Steigt Ursula Küchler ins Schweinegehege, hat sie kaum eine ruhige Minute. Nicht nur die neugierigen Ferkel kommen aufgeregt grunzend angerannt, auch Zuchteber Julio freut sich auf eine Streicheleinheit. Auffordernd legt er sich vor Küchlers Füsse. «Da kommt man jetzt nicht mehr so schnell weg», sagt sie belustigt und krault die Schweine ausgiebig. Für die zehn Ferkel sind es die letzten Tage auf dem Panoramahof. Mit ihren knapp über 100 Kilogramm gelten sie bereits als schlachtreif. Immerhin hatten sie in ihrem sechsmonatigen Leben so viele Freiheiten wie kaum ein anderes Schwein. Eine Hektare Wiese und eine Hektare Wald umfasste ihr Gehege, das sie nur mit ihrer Zuchtmutter Amy und dem kuschligen Julio teilen mussten. Das ist ein Vielfaches dessen, was Schweinen in der üblichen Fleischindustrie zusteht. Rund ein Quadratmeter pro Ferkel gilt in der konventionellen Haltung als Mindestfläche. In der biologischen Schweinemast ist es beinahe das Doppelte – dazu kommt ein Auslauf, der sich jedoch meistens auf einen Betonboden beschränkt.

Auf dem Panoramahof in Meggen wagte Ursula Küchler auf Initiative der Albert Koechlin Stiftung und begleitet vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) einen Versuch der besonderen Art: Um zu erforschen, wie viel ihrer wilden Vorfahren noch in intensiv gezüchteten Schweinen steckt, lebten die Tiere hier drei Jahre lang fast komplett im Freien. Nur ein paar einfache, eingestreute Häuschen boten ihnen Schutz vor Wind und Wetter. «Regen mögen sie gar nicht», weiss Küchler durch ihre Beobachtungen. Mit über 20 Kameras wurde das Verhalten der Schweine so genau wie möglich festgehalten. Ab 15 Grad gehörten Schlammbäder zur Tagesordnung. Zuerst grasten die Schweine die Weide ab, dann pflügten sie die Erde um und legten Suhlen an. «Mit meinem Handy hatte ich auch Zugriff auf die Videos», erzählt Küchler, die Gefallen an der Technik gefunden hatte. «Als die Kleinen zur Welt kamen, konnte ich sogar im Bett schnell nachsehen, ob alles in Ordnung ist.» Das Projekt sah vor, dass die Mutterschweine nur im Mai Nachwuchs gebären. So war sichergestellt, dass die Kleinen in den warmen Monaten heranwachsen konnten. Für die Zuchtschweine, welche sie die ganzen drei Projekt-jahre über behalten hatten, war der Winter wohl die grösste Herausforderung. «Im November 2024 hatten wir an einem Morgen 40 Zentimeter Neuschnee», erzählt Küchler. «Da mussten sie durch den Schnee pflügen und waren von dieser weissen Pracht nicht sonderlich begeistert.» Da die sechs Hütten mehr als genug Liegeflächen im Wald und auf der Weide boten, konnten die Schweine frei entscheiden, wo sie sich aufhalten wollten. Wenn der Boden gefroren war, waren sie meistens im Wald zu finden. Auch den Sommer verbrachten sie fast komplett im Wald, um den kühlen Schatten zu suchen. Im Frühling und Herbst jedoch tobten sie sich lieber auf der Wiese aus. «Schweine wollen einfach wühlen, irgendetwas umherschieben können, ihre Nase in den Boden stecken und pflügen», erklärt Küchler. Entsprechend sah die Wiese im Herbst auch aus wie ein Openair-Gelände nach einem Regentag. «Grundsätzlich ist für uns der Matsch ein grösseres Problem als für die Schweine, denn sie können hier gut gehen», so die Hofbesitzerin. Nur, wenn der Matsch gefroren ist, stossen die Paarhufer an ihre Grenzen. «Deshalb haben wir vergangenen Winter mit Strohballen eine Art Teppich für sie gemacht.» Auf diese Weise war die Verbindung vom Futtertrog bis in den Wald gesichert.

[IMG 2]

Grunzende Badenixen

Im Sommer hingegen stellte der Matsch kein Problem dar, sondern war dank einer grossen Suhle eine willkommene Abkühlung. «Schon die Kleinen gehen etwa ab sieben, acht Wochen regelmässig baden», erzählt Küchler. Da Schweine nicht schwitzen können, müssen sie sich irgendwo reinlegen, um sich abzukühlen. In den Ställen ist Kot und Urin manchmal das Einzige, was ihnen dafür zur Verfügung steht. Der umfangreiche Versuch auf dem Panoramahof hat jedoch einmal mehr gezeigt, dass Schweine ihre Kotplätze klar definieren und von den Liegeplätzen trennen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. «Sie sind extrem sauber und würden nie in die Hütte koten», ist Küchler überzeugt. «Da kann man sich nur vorstellen, wie schlimm das für die Tiere ist, wenn sie in ihren eigenen Kot liegen müssen.»

[IMG 3]

Vom Projekt in die Praxis

Dass das Suhlen ein Grundbedürfnis der Schweine ist, wisse man eigentlich schon lange, so die Teilzeit-Landwirtin. «Aber es braucht eben immer Daten, welche dies belegen.» Die Auswertung des Projektes wird für den kommenden Sommer erwartet. Bis dahin will das FiBL konkrete Vorschläge ausarbeiten, wie man die Haltung von Schweinen tiergerechter gestalten könnte. Der grösste Effekt bei geringstem Aufwand wird im Bereich der Beschäftigung erwartet. Zum Beispiel, indem man das Futter weniger einfach verfügbar macht. So liesse sich das ständige Wühlen nach Nahrung zu einem gewissen Grad ersetzen. Bauliche Massnahmen für Suhlplätze dürften schon schwieriger umzusetzen sein. Ein weiteres Problem ist der Produk-tionsdruck. Üblicherweise werden die Ferkel in einem Alter von 28 Tagen von der Mutter getrennt, damit diese gleich wieder gedeckt werden kann. Dies führt nicht selten zu gesundheitlichen Problemen bei den Ferkeln. In der Bio-Produktion dürfen die Kleinen sechs Wochen bei der Mutter verweilen. Letztlich bestimmt jedoch die Kundschaft, wie viel ein Stück Schweinefleisch kosten darf. «Gerade bei den Schweinen ist Bio eine Nische, die etwa zwei Prozent ausmacht – von Freiland gar nicht zu sprechen», so Küchler. Dass das Projekt auf dem Panoramahof fernab vom üblichen Alltag in der Mastindustrie war, ist ihr durchaus bewusst. Trotzdem ist sie überzeugt davon, dass sich etwas ändern muss. «Mein Appell lautet: Halb so viel Fleisch essen, aber gleich viel dafür bezahlen.»

Übersetzt in die Praxis würde das den Betrieben einen enormen Handlungsspielraum verschaffen. Eine reine Freilandhaltung wie im Panoramahof-Versuch empfiehlt Küchler jedoch nicht. «Einmal hatte ein Schwein Fieber und wir mussten viermal am Tag Fiebermessen gehen», erzählt die Betriebsleiterin. «Dann stapfst du zuerst fünfzehn Minuten durch den Wald, um das Schwein zu suchen.» Auch das Handling beim Abferkeln auf der Weide sei nicht gerade einfach gewesen. Deshalb plädiert sie für einen Kompromiss. «Aufgrund von Bequemlichkeit und Matschthematik würde ich die Schweine vom November bis Februar im Stall mit überdachter Auslaufmöglichkeit auf Beton halten», empfiehlt sie interessierten Betrieben. Das wäre einfacher fürs Bewilligungsverfahren, und auch für die Pflege der Tiere. «Zum Abferkeln würde ich die Muttersau ebenfalls in den Stall nehmen», so Küchler. «Ins Freiland kämen die Ferkel erst, wenn sie nach drei Wochen ihre Ohrenmarken haben und die Männchen kastriert sind.» Denn solche Eingriffe ohne durchdachte bauliche Massnahmen bedeuten eine grosse Herausforderung. «Mutterschweine haben bezüglich ihrer frischgeborenen Ferkel einen ausgeprägten Schutzinstinkt», erklärt Küchler. «Eine aufgebrachte Muttersau hat durchaus das Potenzial, einen Menschen zu verletzen.»

[IMG 4]

Liebevolle Speckschwarten

Trotz des grossen Respekts vor den 300-Kilo-Tieren sind Ursula Küchler die Schweine enorm ans Herz gewachsen. «Es ist schön, wie sie den Kontakt suchen», so die Tierfreundin. Dass sie sich einem einfach vor die Füsse legen, um gekrault zu werden, habe auf den vielen Führungen, die sie für Schulklassen und Firmen durchgeführt hatte, für einige Aha-Erlebnisse gesorgt. «Ich bin mir sicher, dass es den meisten Konsumenten nicht bewusst ist, wie Schweine in der Schweiz gehalten werden», so Küchler. «Alle haben immer das Gefühl, die Schweiz habe die besten Tierschutzgesetze der Welt und deshalb gehe es auch konventionell gehaltenen Schweinen gut.» Fakt ist jedoch, dass die meisten der jährlich zwei Millionen geschlachteten Schweizer Schweine nur wenig Platz zur Verfügung haben und ihr ganzes Leben im Stall verbringen.

Doch es gibt Betriebe, die versuchen, Schweinehaltung neu zu denken und dabei voll aufs Tierwohl setzen. In der biologischen Schweinezucht stellt jedoch das teure Futter einen grossen Knackpunkt dar. Küchler sieht hier unter anderem Potenzial in einem Agroforst-System. «Bäume sind genial für Schweine», findet sie. Nebst Schatten bieten sie mit Eicheln und Co. traditionelles Schweinefutter, das die Paarhufer gerne vertilgen. Von den 200 Hochstammobstbäumen des Panoramahofs hat Ursula Küchler den Schweinen viele Äpfel und immer wieder Baumnüsse geben können. Und es existieren noch weitere Möglichkeiten: «Ich kenne einen Landwirt, der füttert seine Schweine mit Bio-Gemüse, das aussortiert wird, weil es nicht der Norm entspricht», so Küchler. «Damit senkt er die Futterkosten und minimiert auch noch Food Waste.»

Es gibt sie also, die innovativen Betriebe, die es schaffen, bei der Schweinemast Tierwohl und Wirtschaftlichkeit unter einen Hut zu bringen. Dazu braucht es aber immer auch eine Kundschaft, die bereit ist, ein bisschen mehr fürs Schinkensandwich zu bezahlen.

Sprachbegabte Tiere
Bis zu zwanzig verschiedene Laute sind bei Schweinen bisher erforscht worden. Es gibt ein Grunzen, das nur Muttersauen brauchen, um ihren Nachwuchs zu rufen, es gibt ein entspanntes Kontaktgrunzen. Wenn Ferkel miteinander spielen, geben sie bellende Laute von sich. Ein Brummen drückt Frustration aus und ein ängstliches Quieken grossen Stress.

Mehr Infos über die Tiere und das Projekt finden Sie hier.