Mit seinem Verschwinden 1989 war der Fischotter eine der letzten Wirbeltierarten, die in der Schweiz ausstarb. Seit einigen Jahren feiert er jedoch eine stille Rückkehr: Immer wieder werden Tiere gesichtet, die aus dem nahen Ausland eingewandert sind. Heute sind drei grosse Schweizer Fliessgewässer durch den Fischotter besiedelt: die Aare, der Rhein und der Inn. «Die Situation um den Fischotter ist erfreulich», bestätigt Irene Weinberger von der Stiftung Pro Lutra. «Gerade das Engadin ist von Fischottern flächendeckend besiedelt.» Anfang des Jahres 2025 fand in Graubünden auch eine der wenigen bestätigten Reproduktionen innerhalb der Schweiz statt: In der Surselva hielten Wildtierkameras einen Fischotter mit zwei Jungtieren fest.

Trotzdem ist Weinberger davon überzeugt, dass sich in der Schweiz zurzeit weniger als 30 Fischotter aufhalten. Männchen sind ausserhalb der Paarungszeit einzelgängerisch, und auch die Weibchen sind höchstens im Familienverband mit dem Nachwuchs des Vorjahres unterwegs. «Fischotter haben zudem riesige Territorien», erzählt die Biologin. Dass ein Bild wie dasjenige in der Surselva überhaupt geglückt ist, ist somit keine Selbstverständlichkeit.

Steckbrief Fischotter Familie: Marder
Grösse: bis 130 Zentimeter
Gewicht: 7 - 11 Kilogramm
Nahrung: kleine Fische, selten auch Wasservögel, Nagetiere, Schnecken, Amphibien, Krebse, Insekten und Muscheln.
Tragezeit: 58 - 62 Tage
Wurfgrösse: 1 - 4 Jungtiere
Geschlechtsreife: 1,5 - 2 Jahre
Lebenserwartung: 8 - 13 Jahre
IUCN-Status: potenziell gefährdet (NT; near threatened)

Ausrottung nach Plan

Fischotter (Lutra lutra) sind nachtaktive Marder, die besonders gut an das Leben am und im Wasser angepasst sind. Mit einer Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 90 Zentimetern und einem 40 Zentimeter langen Schwanz ist der Fischotter fast doppelt so gross wie ein Steinmarder und grösser als die meisten Hauskatzen. Dank der Schwimmhäute zwischen den Zehen zählt er zu den besten Schwimmern unter den Landraubtieren. Der dichte Pelz besteht aus 60 000 bis 80 000 Haaren pro Quadratzentimeter, welche gleichzeitig vor Wärmeverlust schützen und Wasser abweisen.

Mithilfe der feinen Tasthaare an der Schnauze kann er auch im trüben Wasser Fische – seine Hauptnahrungsquelle – aufspüren. Wegen seines hohen Stoffwechsels frisst der Otter pro Tag bis zu 15 Prozent seines Körpergewichts an Nahrung. Wo Fische rar sind, kann der Fischotter daher nicht überleben.

Seit 1952 ist der Fischotter nach Jagdgesetz in der gesamten Schweiz geschützt und gilt als nicht jagdbare Art. Seine Beutepräferenz machte ihn jedoch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zum Staatsfeind Nummer eins für Fischer, und so wurde der Otter in der Schweiz bis zur Ausrottung gejagt. «Man hat sogar Prämien auf den Fischotter ausgesetzt, um den Bestand zu dezimieren», berichtet Irene Weinberger. Im Fischereigesetz von 1888 wurde die Ausrottung des unliebsamen Konkurrenten gar als ausdrückliches Ziel festgehalten.

«Bereits 1910 gab es deutlich weniger Fischotter in der Schweiz. Die Trockenlegung von Feuchtflächen, die Kanalisierung von Gewässern und der Bau von Kraftwerken haben ihr Schicksal dann weiter besiegelt», so Weinberger.

Der letzte Sargnagel war der praktisch flächendeckende Einsatz von Pestiziden, darunter auch polychlorierte Biphenyle (PCB). Es dauerte nicht lange, bis der Stoff durch Akkumulierung in der Nahrungskette und in den Gewässern auch bei den Fischottern seine schädliche Wirkung entfaltete: Studien zeigen unter anderem, dass PCB die Fortpflanzung bei Säugetieren beeinträchtigt und in anderen Regionen Europas zu einem Zusammenbruch der Fischotterpopulationen führte.

Die Herstellung von PCB wurde in Europa in den 1980er-Jahren verboten, doch aufgrund der Langlebigkeit des Stoffes befinden sich immer noch Reste in der Umwelt.

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Nachweis: schwierig

Seit seinem Aussterben gab es in der Schweiz bisher keine Wiederansiedlungsprogramme, um den Fischotter gezielt zurückzuholen. Stattdessen wandert er aus benachbarten Ländern von selbst in geeignete Gewässer ein. So ziehen einzelne Individuen aus Frankreich die Rohne flussaufwärts, und auch das eine oder andere Individuum aus dem Bestand der Haute-Savoie hat sich schon über die Schweizer Grenze getraut. Die österreichischen Bestände breiten sich gegen Westen aus, sodass 2017 von unserem östlichen Nachbarn Fischotter in die Schweiz eingewandert sind. 2009 passierte ein Otter gar die Fischtreppe beim Kraftwerk Reichenau im Kanton Graubünden. Seine Herkunft bleibt bis heute ungeklärt.

Nebst den eingewanderten Fischottern kommen noch wenige Artgenossen hinzu, die aus zoologischen Anlagen entkommen konnten. 2005 ist ein Fischotterpärchen aus dem Tierpark Dählhölzli in Bern entwischt und konnte sich fortpflanzen, bevor es wieder eingefangen wurde. Ob die Population an der Aare zwischen Thun und Bern auf die Nachkommen der Ausbrecher zurückgeht, ist unbekannt. Denn nebst seiner Seltenheit ist der Fischotter ein äusserst scheuer Zeitgenosse, den kaum einer je zu Gesicht bekommt. Ihn nachzuweisen ist daher umso schwieriger.

Um die Bestandesentwicklung des Fischotters zu dokumentieren, wurde bisher auch in der Schweiz das Protokoll der Otter-Spezialistengruppe der Weltnaturschutzbehörde (International Union for Conservation of Nature, IUCN) befolgt. Dabei werden Gebiete in 5 x 5 Kilometer grosse Quadrate eingeteilt und darin eine Strecke von 600 Metern an einem Gewässer abgelaufen. Ein Projekt, das diese Methode nutzt, ist «Otterspotter» in den Kantonen Bern und Solothurn, das Pro Lutra gemeinsam mit den jeweiligen WWF-Sektionen durchführt. Als Nachweise gelten nebst den seltenen direkten Sichtungen auch Trittsiegel und vor allem Losungen. Damit markiert der Fischotter sein Territorium und nutzt dabei markante Strukturen im Uferbereich. So findet man Kotspuren oft auf aus dem Wasser ragenden Steinen, aber auch unter Brücken mit höhlenartigem Charakter.

Es stellte sich heraus, dass es für Menschen schwierig sein kann, im Uferbereich Losungen zu finden. Daher beschränken sich die meisten Kartierungen mittlerweile auf Brücken. Tatsächlich scheinen Fischotter diese besonders häufig zum Markieren zu nutzen – ein doppelter Vorteil. Wenn die Kartierer darunter Losung finden, dann ist dies ein sicherer Hinweis darauf, dass hier ein Fischotter vorbeikam. So gelang den Otterspottern im Winter 2023/24 ein Erstnachweis des Fischotters an der Emme. Ein kleines Erfolgserlebnis, gemessen daran, dass lediglich in sieben der 112 untersuchten Quadranten überhaupt Hinweise auf den Wassermarder gefunden wurden.

Brücken als K(n)ackpunkt

Doch wie viele Brücken muss man besuchen, um nachweisen zu können, dass sich wirklich ein Fischotter in der Region niedergelassen hat? Oft führen unzählige Brücken und Übergänge über noch so kleine Gewässer. Müssen alle besucht werden? Das versucht Pro Lutra mit Artenspürhunden wie dem Nova Scotia Duck Tolling Retriever «Kjell» von Biologin Denise Karp herauszufinden. Kjell hat eine äusserst feine Nase, mit welcher er Fischotterlosung zuverlässig aufspüren kann. Zwischen Uttigen und Uetendorf bei Thun gibt es reichlich Brücken. Hier fliessen im Einzugsgebiet der Gürbe auch der Amletenbach, Walebach und der Limpach mit zahlreichen kleineren Zuflüssen – ein ganzes Netz aus potenziellen Lebensräumen für den Fischotter.

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Er bevorzugt flache, fischreiche Fliessgewässer mit bewachsenen Ufern, die ihm ausreichend Versteckmöglichkeiten bieten. Hier verbringen Fischotter den Tag gerne schlafend – bis zu 17 Stunden pro Tag. Eine Holzbeige, Asthaufen oder Wurzelgeflecht dienen ihnen als Tarnung. Mit viel Glück kann man am Ufer die gut getarnten Ausstiege aus dem Wasser – sogenannte Otterpfade – entdecken. Diese markiert er ebenfalls mit Kot, doch die Chancen, solche Losung mit dem menschlichen Auge in der dichten Vegetation zu entdecken, sind nahezu null.

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Doch Denise Karp konzentriert sich mit Kjell ohnehin ausschliesslich auf die Brücken. Diese sind dabei oft so niedrig, dass ein Mensch gebückt nur knapp untendurch passt. Hier sind Artenspürhunde ebenfalls durchaus im Vorteil. Tatsächlich findet Kjell unter mehreren Brücken am Amletenbach Losung des Otters – ein klarer Hinweis für die Anwesenheit des Wassermarders. Unabhängig vom Artenspürhundeteam geht eine Person die Brücken ab und sucht nach Fischotterlosung. Danach wird die Effizienz von Hund und Mensch verglichen. Karp und Kjell werden bei ihrer Suche von Spaziergängern oft mit einer Mischung aus Argwohn und Neugierde beobachtet. Die wenigsten wissen, dass in ihrer Nachbarschaft ein Fischotter lebt. Die meisten sind erfreut über die Nachricht und erpicht darauf, selbst einmal eines der Tiere zu sehen.

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Jeder kann helfen

Damit die Wahrscheinlichkeit eines solchen Erlebnisses steigt, ist nicht nur der Erhalt fischotter freundlicher Lebensräume wichtig, sondern auch das Reduzieren der Gefahren, die insbesondere vom Strassenverkehr ausgehen. «In der Schweiz wurden schon mehrere der wenigen Fischotter überfahren, was ein herber Rückschlag für die eh schon kleine Population ist», so Irene Weinberger. 2023 entwickelte Pro Lutra deswegen ein Citizen-Science-Projekt, bei dem alle, die ein Smartphone, Tablet oder einen Computer besitzen, Brücken auf ihre «Fischotterfreundlichkeit» kartieren können. «Fischotter markieren gerne unter höhlenartigen Brücken, die einen Uferstreifen haben. Fehlt dieser, so markieren sie gelegentlich auf der Brücke selbst und riskieren dabei, überfahren zu werden», erklärt Weinberger. Mit der App «untendurch» sollen gefährliche Brücken erfasst werden, damit die zuständigen Behörden fischotterfreundliche Lösungen finden können.

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Pro Lutra ist jedoch nicht nur um die Sicherheit des Lebensraums von Fischottern in der Schweiz bemüht, sondern auch um deren Gesundheit. «Wir werfen immer noch zu viel Abfall ins Wasser, spülen hormonaktive Substanzen und Gifte mit dem Abwasser in die Gewässer und wenden Pestizide an, welche den Tieren schaden», bemängelt Irene Weinberger. So fand eine 2024 in Zusammenarbeit mit Pro Lutra durchgeführte Studie der Universität für Bodenkultur Wien und der EAWAG Mikroplastik in allen gefundenen Fischotterlosungen. Wie bedenklich dies ist, ist noch nicht hinreichend geklärt. Fakt ist jedoch, dass Plastik nicht in unsere Umwelt gehört. Weinbergers Fazit ist daher deutlich: «Wenn man den Fischotter schützen will, so liegt dies also in unserer allerhand. Wir müssen uns für eine gesunde Umwelt einsetzen. Davon profitieren nicht nur bedrohte Arten wie der Fischotter, sondern schlussendlich auch wir selbst.»

Das Brückenprojekt «untendurch»Ein einzelner Fischotter bewohnt ein grosses Territorium, welches er regelmässig markiert. Dabei fallen nicht wenige dem Strassenverkehr zum Opfer. In vielen Ländern Europas ist dieser für den Otter zur Todes-ursache Nummer Eins geworden. Dort wo eine Strasse ein Gewässer kreuzt, sind die gefährlichen Stellen. Und diese sind nicht selten: Mit über 65 000 Kilometern Länge ist das Gewässernetz der Schweiz sehr dicht, und ebenso gross ist das Verkehrsnetz.

Deswegen sollen möglichst viele Brücken in der Schweiz auf ihre «Fischotterfreundlichkeit» untersucht werden. Dabei ist Pro Lutra auf die Unterstützung von Naturfreunden angewiesen. Diese können unter untendurch.prolutra.ch Brücken selbst kartieren. Die App führt den Nutzer ganz einfach durch die Erfassung: Ort der Brücke, Name, Form, Vorhandensein von Uferstreifen oder grossen Steinen werden abgefragt. Hinzu kommt die Beschaffenheit des Ufer-bereichs und das geschätzte Verkehrsaufkommen. Bereits erfasste Brücken erscheinen auf einer Karte.

Pro Lutra schätzt aufgrund der gesammelten Daten die Gefährlichkeit jeder Brücke ein und übermittelt die Informationen an die zuständigen Behörden.