Herr Gehr, wie gefährlich sind Mäharbeiten für Rehkitze?

Durch das Langzeitprojekt «Rehkitzmarkierung Schweiz», das seit über 50 Jahren läuft, kennen wir die Todesursachen der heimischen Rehe ziemlich gut. Jährlich werden etwa 1500 Kitze gemeldet, die vom Mäher erfasst wurden. Diese Zahlen unterschätzen aber die tatsächlichen Werte, denn nicht alle vermähten Kitze werden auch tatsächlich gemeldet. Aktuell berechnen wir mittels mathematischer Modelle, wie viele es wirklich sind: Erste Zwischenergebnisse zeigen, dass es ein Vielfaches mehr sind.

Wie kann das verhindert werden?

In den letzten Jahren hat man unterschiedliche Methoden entwickelt, um die Rehe entweder rechtzeitig durch Vergrämen aus dem zu mähenden Feld zu vertreiben oder während dem Mähen vorweg zu suchen. Am wirkungsvollsten ist jedoch, das Feld vor den Mäharbeiten per Drohne abzusuchen. Die so mit der Wärmebildkamera am frühen Morgen gefundenen Kitze werden bis zum Ende der Mäharbeiten unter einer Harasse geschützt und danach im Verlauf des Tages wieder freigelassen.

Ist das nicht ein unheimlicher Stress für die Tiere?

Bestimmt. Aber sicher viel besser, als qualvoll zu Tode zu kommen. Viele Kitze sind nicht sofort tot, wenn sie von einer Mähmaschine überfahren werden. Ein vor Schmerzen schreiendes Tier mit abgetrennten Beinen zu sehen, ist ein schreckliches Erlebnis. Allerdings interessiert uns auch, wie es mit den Tieren nach der Rettungsaktion weitergeht. Diese wären sinnlos, wenn die Kitze ihre Mutter nicht wiederfinden, von einem Fuchs gefressen werden oder am Stress eingehen würden.

Wie untersuchen Sie das Schicksal der Rehkitze?

Wir kleben einen kleinen GPS-Sender ins Fell der geretteten Kitze und können ihren Standort so für etwa vier Tage verfolgen, bevor der Sender wieder abfällt. Zudem kann man über gleichzeitig aufgezeichnete Bewegungsdaten auch das Verhalten ableiten, zum Beispiel ob ein Kitz schläft oder aktiv ist. Alle untersuchten Kitze haben ihre Mutter wiedergefunden. Dabei ist es nicht immer so, dass die geretteten Kitze auf ihre Mutter warten, sondern dass die hungrigen Kitze ihre Mutter aktiv suchen und nach ihr rufen.

Die Rettungen sind also nachhaltig gut für die Kitze?

Definitiv. Allerdings wäre es natürlich noch besser, wenn wir die Tiere gar nicht erst retten müssen. Gerade sind wir dabei, zusammen mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), der Universität Zürich und der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) eine App zu entwickeln, auf denen Bauern sehen können, wann sie wo am risikoärmsten mähen können. Manchmal muss man lediglich einen Streifen hohes Gras am Waldrand stehen lassen oder einige Zeit früher oder später als geplant mähen. Dabei spielen nicht nur die Zeit im Jahr, sondern auch das Wetter, die Höhenlage und die Umgebung eine wichtige Rolle. All diese Faktoren wollen wir in eine Berechnung einfliessen lassen, die dann anhand von Farben auf einer Karte zeigen, wo das Mähen am wenigsten gefährlich ist.

Die landwirtschaftliche Praxis, etwa das Mähen, soll also den Rehen angepasst werden?

Das wäre erstrebenswert. Es ist uns wichtig, allfällige Empfehlungen zusammen mit der Landwirtschaft zu entwickeln, damit Verluste für die Landwirte minimal bleiben. Wir möchten zum Beispiel berechnen, wie sich das Anpassen des Mähens auf den Milchpreis auswirken würde. Es gilt auch zu bedenken, dass Heu, in welchem sich ein totes Rehkitz befindet, auch nicht verfüttert werden kann und somit auch zu finanziellen Einbussen führt. Mal abgesehen von Tierschutzaspekt! Zudem kann das Reh als Schirmart dienen (siehe unten). Von einer nachhaltigen Mähpraxis zugunsten des Rehs profitierten indirekt auch andere Tierarten wie bodenbrütende Vögel, Feldhasen und Insekten.

Und was sagen die Landwirte dazu?

Tatsächlich haben wir viele positive Rückmeldungen zu ersten Ergebnissen aus unseren Studien. Kein Landwirt vermäht gerne Kitze. Das Angebot der Rehkitzrettung mittels Drohne wird meist von der lokalen Jägerschaft organisiert, ist kostenlos und wird gut genutzt. Die App und die Anpassungen der Mähpraxis erarbeiten wir wiederum zusammen mit der ZHAW, der Universität Zürich und der HAFL zusammen. So wollen wir sicherstellen, dass am Ende alle davon profitieren, die Rehe, die Natur und die Landwirte.

Zur Person

Benedikt Gehr ist Biologe und verbringt nach seiner Doktorarbeit mit Rehen in der Schweiz gut die Hälfte des Jahres in Südafrika, wo er für die Universität Montpellier (Frankreich) Zebras und Gnus besendert. Die restliche Zeit widmet er sich für «Wildtiere Schweiz» den heimischen Rehen und koordiniert das Projekt «Rehkitzmarkierung Schweiz».

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Schirmarten

«Schirmart» ist eine direkte Übersetzung des englischen Begriffs «Umbrella species». Damit werden Arten bezeichnet, durch deren Schutz weitere Arten mitgeschützt werden. Schirmarten sind meistens beliebte Tiere, über die sich leichter Naturschutzmassnahmen durchsetzen lassen. So sind der Berggorilla oder der Grosse Panda eine typische Schirmart, deren Schutz massgeblich zum Erhalt der Bergregenwälder beziehungsweise der Bambuswälder Chinas beiträgt.