Wo Bergleute heute noch über ein ebenes Gletscherfeld stapfen, wandern sie künftig durch ein Tal, das in gänzlich neuem Kleid daherkommt: Vielleicht zieren dann ein paar hübsche Bergseen den Weg und bieten eine willkommene Abkühlung. Vielleicht gilt es, unterwegs Mulden mit ein paar Extra-Höhenmetern zu durchqueren. Vielleicht legt der schmelzende Gletscher auch eine solch unwegsame Landschaft frei, dass man diese nur noch kletternd durchqueren kann.

Welches Szenario auch zum Zug kommt: Fakt ist, dass sich das hochalpine Gelände in den kommenden Jahrzehnten verändern wird – und mit ihm der Bergsport. «Der Stellenwert des Wanderns wird zunehmen in den Bergsportdisziplinen», ist sich der Bergführer Severin Karrer vom Schweizer Alpenclub (SAC) sicher. «Ein Berg, der früher für Hochtouren bekannt war, wird immer mehr Wandergelände freilegen – oder eben Klettertouren.» Doch das sei längst nicht das einzige, was sich mit dem Klimawandel verändert. Früher habe man in den Bergen auf viele Erfahrungswerte aus Führerliteratur und Bergführerkreisen zählen können, so Karrer. Heute dürfe man sich darauf jedoch nicht mehr verlassen. «Manchmal komme ich an einen Ort und er sieht ganz anders aus als noch vor einem Jahr.» Für Alpinisten heisst dies, unterwegs deutlich mehr Entscheidungen treffen zu müssen. «Wenn ich zum Beispiel einen frischen Bergsturz antreffe, muss ich einschätzen können, was das bedeutet. Kommt noch etwas nach? Muss ich nun umkehren, oder finde ich einen anderen Weg?» Darauf die passende Antwort zu finden, setze ein gewisses Gespür für die Veränderungen voraus, die der Klimawandel mit sich bringt.

Der Schweizer Alpenclub legt in seinen Ausbildungskursen deshalb immer mehr Wert auf solche Fähigkeiten. «Bergsport setzt nicht nur technische Fähigkeiten voraus, sondern auch ein grosses Mass an Einschätzungsvermögen und Risikomanagement», weiss der Bergführer, der auch als Fachleiter bei der SAC-Ausbildung involviert ist. «Das Klettern kann man in einer Halle lernen. Aber um die Gefahr einer Lawine oder eines Steinschlages einschätzen zu können, muss man Erfahrungen im Gelände sammeln.»

Selbst denken bleibt essenziell

Der grosse Vorteil am heutigen Bergsport ist die Fülle an Informationen, welche direkt auf dem Handy aufpoppt. Doch die immer genaueren Lawinenbulletins, Wetter- und Wanderapps bergen auch Gefahren, wenn man sich damit in falscher Sicherheit wähnt. «Es gibt schon Leute, die in Gelände unterwegs sind, das ihre Fähigkeiten übersteigt», schildert Severin Karrer seine Beobachtungen. «Schlussendlich sagt dir keine App, ob du diese Tour meistern kannst.» Die Informationsflut für sich selbst richtig einzuordnen und dabei die Übersicht zu behalten, sei deshalb ein wichtiger Teil der SAC-Ausbildung. Ein gutes Beispiel ist Instagram. «Auf Social Media posten die meisten nur Bilder, wenn alles schön und toll war», so Karrer. «Dass jemand einen Stein auf den Kopf bekommen hat, teilen die wenigsten.» Doch selbst ein seriöser Tipp garantiert nicht, dass die Bedingungen eine Woche später noch die selben sind. Damit müsse man umgehen können, so der Bergführer. «Und nicht darauf beharren, dass man hier durchgehen kann, nur weil das schon immer so gemacht wurde.» Auch sei wichtig, die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen, sowie die der Begleitpersonen.

Karrer selbst ist – wie viele andere auch – mit immer kleineren Gruppen unterwegs, um sich kurzfristigen Planänderungen besser anpassen zu können: «Je kleiner die Gruppe, desto agiler kann man reagieren und desto kleiner ist das Risiko, objektiven Gefahren wie Steinschlag, Lawinen oder Eisschlag ausgesetzt zu sein.»

Nicht alle Berge beginnen jedoch zu bröckeln, nur weil der Permafrost schmilzt. Denn dieser kommt gar nicht in allen Regionen der Schweiz vor. Dass ein zurückweichender Gletscher bröckeliges Gestein freilegt, ist viel häufiger der Fall. Es kann aber auch sein, dass dieser «neue Fels» glattgeschliffen und dadurch schwer zu überwinden ist. «Das ist bei jedem Berg anders», erklärt Karrer. «Es wird also nicht jede Wanderung gefährlicher nur wegen des Klimawandels, aber die Planungssicherheit verändert sich.»

Verschiebung der Saisons

Was sich ebenfalls verändert, sind die Saisonalitäten der Bergsportarten. Schon seit längerem verschiebt sich die Wintersaison zunehmend in den Frühling. Skitouren im November werden eine Seltenheit, während man im April oder Mai des Öfteren noch Top-Bedingungen vorfindet. Die Hochtouren-Saison hingegen verlagere sich eher in den Frühsommer, wie Severin Karrer erzählt: «Vor 25 Jahren traf man in der Regel von Ende Juni bis Mitte September durchgängig passable Verhältnisse an.» Damals habe es in der Regel aber auch nur ein bis zwei Tage gegeben, an denen die Nullgradgrenze über 4000 Meter geklettert war. Heute steige diese regelmässig zwei bis drei Wochen lang darüber, was einen enormen Einfluss habe auf manche Touren. «Wenn ein Gast das Ziel verfolgt, 2026 auf die Jungfrau zu gehen, vereinbare ich mit ihm schon ab Mitte Juni ein Datum», so der Bergführer. «Je später in der Saison man zu einer Tour aufbricht, desto höher ist das Risiko von schlechten Verhältnissen. Anstatt Schnee trifft man des Öfteren blankes Eis an.» In der Folge weicht er manchmal auf Gebiete aus, wo Gletschertouren kaum noch ein Thema sind. Denn an Destinationen fehlt es nicht in der Schweiz. «Wenn man den Wunsch hat, am 26. Juli aufs Matterhorn zu gehen, kann ich das nicht garantieren. Aber irgendeine schöne Bergtour ist immer möglich», ist Karrer überzeugt. Der Klimawandel fordert also nicht nur die Flexibilität der Bergführer, sondern auch die der Gäste.

Tourenvorbereitung im 21. Jahrhundert
• Informationen über das Gelände und aktuelle Veränderungen sammeln
• Ausweichmöglichkeiten ausloten (vor allem bei instabilen Wetterverhältnissen oder wochenlang anhaltender Hitze)
• Eigenen Fitnesszustand und jenen der übrigen Gruppe einschätzen
• Fülle an informativen Apps nutzen, aber nicht blind darauf vertrauen