Wo der Wasserzufluss fehlt, trocknen Bachläufe aus und mit ihnen die darin lebenden Fische. In den kleinen Pfützen, die in den tieferen Teilen des Bachbetts erhalten bleiben, angeln sich Krähen, Greifvögel und die Katzen aus der Nachbarschaft ihr Abendessen, die restlichen Fische sterben spätestens dann, wenn die Temperatur unter den Gefrierpunkt sinkt und das Wasser zu Eis wird. Das wäre dann das Ende der Geschichte und dieses Artikels. Wären da nicht engagierte Fischer, die sich um das Schicksal der Fische in temporär trockengelegten Gewässern kümmern und ihnen ein weiteres Leben ermöglichen. Beim Ausfischen fangen die Helfer die Tiere und siedeln sie um. Ein aufwendiges Unterfangen, das viel Fachwissen und Geschick erfordert.

Der Mühlebach in Steffisburg BE ist so alt wie die Eidgenossenschaft. Der künstliche Bachlauf wurde seinerzeit gebaut, um die Wasserräder des Dorfs zu versorgen und so Sägen, Reiben, Tuchwalken und Schmieden zu betreiben. Dazu musste der Bachlauf im Winter aber auch eisfrei gehalten werden. Heute sind lediglich zwei der Wasserräder erhalten – und der Bach wird längst nicht mehr gewerblich genutzt. Entsprechend fehlen auch die Leute, die das Eis beseitigen; neu wird der Kanal im Herbst trockengelegt, damit er nicht zufriert. Die Schleuse am Zufluss aus der Zulg wird geschlossen und der Bach trocknet innerhalb weniger Stunden fast vollständig aus. Die darin lebenden Fische, meist Bachforellen, würden auf dem Trockenen liegen oder wären in einem der wenigen tieferen Becken gefangen. 

Vorsicht Hochspannung

Hier kommt die Fischerei-Pachtvereinigung Thun ins Spiel. Am Tag, an dem sich die Schleuse schliesst, stehen sie am unteren Ende des Bachlaufs mit Wathosen, Keschern und Eimern für ihren Einsatz bereit. Sandra Beyeler prüft ein letztes Mal das Gerät, dessen Schaltkasten sie sich um den Hals gehängt hat. Im Rucksack auf dem Rücken steckt die Batterie, die das Elektrofischgerät mit Strom speist. «Elektrofischen ist in der Schweiz grundsätzlich verboten», betont Renato Frauchiger, Präsident der Pachtvereinigung und Leiter des heutigen Ausfischens, der für diese Aktion eine Ausnahmegenehmigung erhalten hat. «Jeder, der das Gerät bedient, hat eine spezielle Schulung durchlaufen. Trotzdem ist es nicht ungefährlich, bekanntlich vertragen sich Wasser und Strom schlecht.» Entsprechend sind alle Teilnehmer mit Gummistiefeln und Schutzhandschuhen ausgestattet, denn der Mühlebach wird gleich unter Strom gesetzt. Allerdings dient dies nicht dazu, die Fische zu töten, im Gegenteil. Ziel ist es, der Tiere lebendig und unbeschadet habhaft zu werden.

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Um das zu erreichen und auch wirklich jeden Fisch aus der kleinsten Ritze zwischen den Steinen rauszuholen, bedient sich die Elektrofangmethode eines speziellen Verhaltens der Tiere im elektrischen Feld. Geraten Fische zwischen zwei ins Wasser eingetauchte, mit Gleichstrom gespeiste Elektroden, so positionieren sie sich parallel zu den Feldlinien des elektrischen Felds, den Kopf auf die Anode (Pluspol) gerichtet.Diese Anode wird an einem langen Stiel ins Wasser getaucht, während die Kathode in Form einer Kupferlitze weiter bachabwärts im Wasser schwimmt. Wird ein bestimmter Schwellenwert überschritten, so reagiert der Fisch mit aktiven Schwimmbewegungen und strebt der Anode zu. Und hier kann er von einem Helfer gekeschert werden. «Für die Fische ist das sicher keine angenehme Erfahrung, aber sie erholen sich schnell wieder vom Stress», versichert Frauchiger. Auf der Ladefläche eines Transporters steht ein Tank, in dem die Fische zwischengelagert werden. Dieser wird mit zusätzlichem reinem Sauerstoff versorgt, um zu gewährleisten, dass es den Tieren gut geht

Sandra Beyeler taucht die Anode ins Wasser. Ein kleiner Fisch wuselt zwischen ihren Beinen hindurch die wenigen Meter bachabwärts und verschwindet in der Aare. Die Fischerin stellt den Strom etwas höher, denn offenbar reicht die Spannung nicht aus, um die gewünschte Reaktion hervorzurufen. Bei der nächsten Schwelle schwimmt ein Fisch wie gewünscht auf die Anode zu und Beyelers Fangkollege Ruedi Richiger fängt ihn schnell mit dem Kescher ein. Die kleine Forelle mit den hübschen roten Punkten ist wohlgenährt und innert einer Minute im weissen Kesselchen wieder fit. «Ich freue mich immer, wenn ich solch gesunde Tiere sehe, gerade nach den katastrophalen Zuständen im letzten Sommer», so Richiger. Der erfahrene Fischer war in den heissen Monaten öfters unterwegs, um die letzten überlebenden Fische aus ausgetrockneten Wasserläufen zu holen. «Der Wechsel zwischen Trockenheit und Hochwasser ist fatal für die Fische. Entweder verschwindet ihr Lebensraum oder sie werden bei Hochwasser vom Geschiebe erschlagen. In der Aare finden Forellen zudem keine Laichplätze, sondern müssen in höherliegende Gewässer wandern.» Durch all dies ging der Bestand in den letzten Jahren massiv zurück.

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Menschliche und tierische Zuschauer

Die kleine Fischertruppe macht sich weiter bachaufwärts. Immer weniger Wasser fliesst durch den Mühlebach, vereinzelt sieht man kleine Bachforellen in den stehenden Tümpeln unterhalb der Schwellen hinter Steine huschen. Geschickt holt Beyeler sie mit der Anode heraus und Richiger fängt sie ein. Der Eimer füllt sich nach und nach und wird regelmässig im Tank geleert. Plötzlich jubelt die Fanggruppe, ein Blick in den Eimer zeigt schnell, warum. Eine rund 30 Zentimeter lange, goldschimmernde Bachforelle ist ihnen ins Netz gegangen. «So grosse Exemplare bringen wir in die kantonale Fischzucht nach Reutigen. Dort werden die Forellen gestreift und die befruchteten Eier für die Aufzucht verwendet. Die Nachkommen der Mühlebachforellen werden später in die Freiheit entlassen und unterstützen damit den Fortbestand der Art», erklärt Renato Frauchiger.

Ein Spaziergänger bleibt mit seinem Hund neugierig stehen. «Bitte das Geländer nicht anfassen», warnt ihn der Präsident der Vereinigung. Man wisse nie, ob nicht etwas vom Strom in die Umgebung geleitet wird. Gerade Metall kann dann gefährlich sein. «Ich muss als Fangleiter immer aufpassen, dass Spaziergänger ihre Hunde anleinen und nicht zu nahe am Bach vorbeigehen. Auch die Kühe auf den nahen Wiesen muss man im Auge behalten. Manchmal packt auch sie die Neugierde, und sie kommen näher ran, als gut für sie ist.»

75 Bachforellen landen im Laufe des Vormittags in den Netzen des Pachtvereins. Der Mühlebach ist damit praktisch fischfrei und die letzten Wasserlöcher können im Winter zufrieren, ohne dass ein Fisch sterben muss. Erleichtert steigt Sandra Beyeler aus ihrer Wathose. Sie hat ihr Patent zum Führen des Elektrofischgeräts erst kürzlich absolviert und freut sich, dass sie heute so erfolgreich üben konnte. Auch Ruedi Richiger zieht sich um und schwingt sich in den Transporter. Er ist für das Freilassen der Fische zuständig. Zuerst werden die Forellen jedoch nach Grösse aufgeteilt, dass die Tiere, die für die Fischzucht bestimmt sind, sich sofort auf den Weg nach Reutigen machen können. Die kleineren Bachforellen jedoch werden zum Oberlauf der Zulg gebracht. «Dort wollten sie sowieso hin», erklärt Richiger. Bald beginnt die Laichzeit dieser Fischart und entsprechende Plätze finden sie in den natürlicheren Abschnitten der Zulg oberhalb von Steffisburg. Am Zielort werden die Forellen ins Wasser entlassen, wo sie ihre Reise ungestört fortsetzen können.

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