Die Schweiz ist ein Einwanderungsland. Nicht nur für Menschen. Auch für Tiere und Pflanzen, die bei uns normalerweise nicht natürlich vorkommen. Durch die Globalisierung haben der internationale Handel, Verkehr und Tourismus ein vorher nie dagewesenes Ausmass erreicht. So gelangen gebietsfremde Arten, sogenannte Neobiota, in Länder, die sie ohne die Hilfe des Menschen nie erreichen könnten. Die meisten dieser neuen Arten verhalten sich unauffällig und fügen sich in unsere Ökosysteme ein, ohne zu Problemen zu führen.

Andere wiederum verdrängen einheimische Arten, gefährden die Gesundheit oder richten wirtschaftlichen Schaden an. Solche invasive Arten zählen zu einer der grössten Bedrohungen für Umwelt und Wirtschaft, schätzt die Weltnaturschutzunion (IUCN), die auch die Rote Liste der bedrohten Arten führt. Sie führt auch die Liste der «Worst 100», der «Schlimmsten 100». Diese invasiven Arten richten weltweit in neuen Gebieten den grössten Schaden an. Im Mai 2016 hat der Bundesrat daher die «Strategie der Schweiz zu invasiven, gebietsfremden Arten» verabschiedet. Das Hauptziel der Strategie ist es, jene Arten zu identifizieren, die Mensch und Umwelt gefährden sowie die biologische Vielfalt und das Ökosystem beeinträchtigen. Nebst der Eindämmung der bereits etablierten invasiven Arten soll möglichst verhindert werden, dass neue in die Schweiz gelangen.

Aktuell sind in der Schweiz insgesamt 1305 gebietsfremde Arten bekannt, darunter 430 Tiere, 730 Pflanzen und 145 Pilze. Etwa 15 Prozent der bekannten gebietsfremden Arten verhalten sich invasiv und richten Schäden an. «Etabliert» bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich die Arten ohne menschliches Zutun in der freien Natur fortpflanzen. Handelt es sich dabei um Tiere, nennen Fachleute diese Neozoen.

Eingewandert und eingeschleppt

Ein besonderer vierbeiniger Neuling ist der Goldschakal (Canis aureus), welcher 2011 das erste Mal offiziell in der Schweiz nachgewiesen werden konnte. Er gilt jedoch nicht als gebietsfremde Art, denn der Hundeartige ist auf natürlichem Wege aus Südosteuropa zu uns eingewandert, ohne Zutun des Menschen. «Seitdem gibt es sporadische Sichtungen», berichtet Ursula Sterrer von Kora. Erst letztes Jahr gingen die sicheren Nachweise des Raubtiers am Hönggerberg in Zürich durch die Presse. «Soweit wir wissen, gab es jedoch noch keine Reproduktion in der Schweiz», so Sterrer. Für die Schweizer Flora und Fauna stelle der Goldschakal wahrscheinlich keine Gefahr dar. Sein grösster Konkurrent ist der Wolf, dem er deutlich unterlegen ist. Auch der Rotfuchs, der ähnliche Ansprüche an Lebensraum und Beute hat, konkurriert mit dem Goldschakal.

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Während die wenigsten neuen Arten von selbst in die Schweiz einwandern, gelangen die meisten durch Menschenhand zu uns. Manche sind stille Mitreisende, die nicht weiter auffallen. So wurden rund 32 Prozent der etablierten gebietsfremden Arten beim Transport von Handelswaren eingeschleppt, darunter hauptsächlich Pflanzen und Wirbellose. Ein Grossteil der 50 gebietsfremden Schmetterlingsarten kam so unbemerkt in die Schweiz. Der Pfirsichwickler und die Tomatenminiermotte gelangten über die Einfuhr der entsprechenden Kulturpflanzen zu uns, die Dörrobstmotte und die Kleidermotte durch gelagerte Nahrungsmittel. Der aus Ostasien stammende Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis) kommt seit mindestens 2007 in der Schweiz vor und richtet an den hiesigen Buchsbäumen grosse Schäden an.

Man geht davon aus, dass der nachtaktive Falter durch den Import von Granitsteinen und Buchsbäumen aus China in die Schweiz eingeschleppt wurde. Seitdem wird kaum ein Garten von den gefrässigen Raupen verschont. Der Gewöhnliche Buchsbaum (Buxus sempervirens) kommt in der Schweiz jedoch auch natürlich vor und beherbergt über 60 Insekten- und Pilzarten. Sie alle sind durch den Kahlfrass des Buchsbaumzünslers gefährdet. Im eigenen Garten kann man bei einem schwachen Befall die Raupen von Hand absammeln. Auch das Abspritzen mit einem Hochdruckreiniger soll helfen. In beiden Fällen müssen die Raupen in einem geschlossenen Müllsack über den Hauskehricht entsorgt werden, da sie sonst entweichen und weiter ihr Unwesen treiben können. Bei einem starken Befall helfen nur noch Pflanzenschutzmittel, für die es eine Fachbewilligung braucht. Hier muss also zwingend eine Fachperson zu Rate gezogen werden.

Ausgesetzt und entkommen

Nebst den eingeschleppten Arten sind es die sogenannten Gefangenschaftsflüchtlinge, die den Grossteil der gebietsfremden Tiere ausmachen. Dazu zählen praktisch alle Wirbeltiere. Unter den Säugetieren findet man in der Schweiz insgesamt zehn gebietsfremde Arten, von denen mit der Ausnahme des Mufflons und des Damhirsches alle als invasiv gelten. Ein typischerGefangenschaftsflüchtling ist nebst dem Waschbären der ebenfalls aus Asien stammende Marderhund (Nyctereutes procyonoides). Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die Art als Pelzlieferant in den Westen der ehemaligen UdSSR eingebracht. Nebst jenen Tieren, die aus Pelzfarmen entkamen, wurden allein in der Ukraine fast 10 000 Tiere ausgesetzt. Von dort breitete sich der Marderhund nach und nach in ganz Europa aus. In der Schweiz wurde 1997 das erste Tier, ein überfahrenes Männchen, gefunden. Seitdem gab es immer wieder Totfunde, und im April 2015 wurde schliesslich auf dem Bözberg im Kanton Aargau zum ersten Mal ein lebender Marderhund fotografiert. Laut Infofauna wurde der Marderhund bis heute 34-mal in der Schweiz gesichtet.

Eine kürzliche Studie der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung gemeinsam mit Forschenden der Goethe-Universität Frankfurt macht deutlich, warum der Marderhund zu einem Problem werden könnte. Ähnlich wie der Waschbär fühlt sich das Raubtier in unterschiedlichen Lebensräumen wohl und ist bei der Nahrung nicht wählerisch: Neben Aas, Pflanzen und Nüssen frisst der Marderhund auch Vögel und deren Eier sowie Amphibien, Schnecken, Insekten, Fische und Kleinsäuger. So kann er für die heimische Fauna sowohl als Nahrungskonkurrent als auch als Fressfeind gefährlich werden. Zudem können sie Parasiten und andere Krankheiten verbreiten, wie eine Untersuchung von73 Marderhunden in Deutschland zeigte. «Insgesamt konnten wir 20 Parasitenarten nachweisen», fasst Anna Schantz von der Goethe-Universität Frankfurt die Resultate der Studie zusammen. «Diese können die Gesundheit von Menschen, Wild-, Haus- und Nutztieren gefährden.» Einmal aus der Gefangenschaft entkommen, ist es schwierig, solche anpassungsfähigen Arten zu kontrollieren.

Andere Neozoen wurden gezielt eingeführt. Bis ins letzte Jahrhundert wilderten selbsternannte «Naturliebhaber» exotische Tiere aus, um die Natur zu «bereichern». Andere Tiere wurden schlicht für kommerzielle Zwecke freigelassen. Der Fasan (Phasianuscolchicus) hat sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet in Asien, wurde jedoch in vielen Teilen der Welt eingeführt, um gejagt zu werden. Dieser «Jagdfasan» ist eine Zuchtform aus verschiedenen Unterarten, die bereits in der Antike in Europa gehalten wurden. Spätestens seit dem 12. Jahrhundert gibt es in Mitteleuropa frei lebende Populationen, die immer wieder durch Nachzuchten aufgefrischt werden. Tatsächlich kann sich der Fasan vielerorts nur durch Winterfütterungen und Nachschub aus Fasanerien halten. In der Schweiz ist der Fasan nur selten anzutreffen. Die Vogelwarte schätzt den Bestand aktuell auf 40 bis 60 Brutpaare, und der Bestand ist rückläufig.

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Weitere Beispiele

Reptilien

Eine der bekanntesten invasiven Tierarten der Schweiz ist die Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans). Früher waren sie als Heimtiere beliebt, wurden aber ebenso häufig ausgesetzt, weil sie den Besitzern irgendwann zu gross wurden. Lokal haben sie sich so rasant vermehrt und verdrängen die einzige einheimische Wasserschildkröte, die Europäische Sumpfschildkröte. Dadurch, dass die Temperaturen im Sommer immer höher werden, steigt der Reproduktionserfolg der exotischen Schildkröten, und für die einheimische Sumpfschildkröte wird es zunehmend eng in den Schweizer Gewässern. Entsprechend werden gebietsfremde Wasserschildkröten durch das Fangen der Tiere und Entfernen der Eier landesweit bekämpft.

Zweiflügler

Die Tigermücke (Aedes albopictus) stammt ursprünglich aus Südostasien. Ihre Larven reisten versteckt in Wasserpfützen in gebrauchten Reifen um die ganze Welt, sodass die Tigermücke in der Schweiz mittlerweile auch im Tessin und Graubünden zu finden ist. Entlang der Hauptverkehrswege wurde sie sogar schon nördlich der Alpen nachgewiesen. Bekannt und gefürchtet ist die Tigermücke als Krankheitsüberträgerin, insbesondere für das Dengue-Fieber. Ihre Ausbreitung wird deshalb in der Schweiz genaustens verfolgt. Noch gibt es keinen bekannten Fall von Dengue-Fieber in der Schweiz, der durch eine hiesige Mücke ausgelöst worden war. Aufgrund ihrer weltweiten Verbreitung und ihres Potenzials als Krankheitsüberträgerin zählt die Tigermücke zu den «Schlimmsten 100» unter den invasiven Arten.

Fische

Von den 17 gebietsfremden Fischarten wurden viele zu Fischfangzwecken in die Schweiz eingeführt. Dazu gehören der Bachsaibling und die Kanadische Seeforelle. Andere gelangten durch die Aquaristik oder als Köderfische in unsere Gewässer. So der Goldfisch, der Sonnenbarsch und der Dreistachlige Stichling. Durch den Schiffsverkehr und den damit einhergehenden Wasseraustausch gelangte die Kessler-Grundel (Ponticola kessleri) und die Schwarzmaul-Grundel (Neogobius melanostomus) in die Schweiz. Beide Fische sind äusserst invasiv und vermehren sich im Rhein schnell. So können sie einheimische Fischarten mit ähnlichen Bedürfnissen auf Dauer verdrängen.

Frösche

Wasserfrösche (Gattung Pelophylax) gehören zu den bekanntesten und häufigsten Fröschen der Welt. Allerdings befinden sich unter den ursprünglichen einheimischen Arten auch einige invasive Arten. Diese wurden entweder bewusst zur «Bereicherung der Natur» ausgesetzt oder für die Froschschenkelproduktion verwendet und sind später entwichen. Das Problem ist, dass sich die nicht einheimischen Arten auch von Experten nur schwer von den heimischen Fröschen unterscheiden lassen. Zudem bilden sie untereinander Hybriden und verdrängen die ursprünglichen Wasserfrösche. Dies macht nicht nur die Erkennung, sondern auch die Bekämpfung der Invasoren schwierig.

Käfer

Die ausgewachsenen Tiere des Japankäfers (Popillia japonica) fressen an Blättern, Blüten und Früchten von über 400 Pflanzenarten, darunter viele Kulturpflanzen. Die Larven greifen die Wurzel an und das kann dazu führen, dass die Pflanze abstirbt. 2017 tauchte der Japankäfer als Erstes im Tessin auf und wird seitdem rigoros bekämpft, um die Etablierung zu verhindern. Mittels Lockstofffallen wurde der Käfer 2023 erstmals auch in Basel-Stadt und in den Kantonen Graubünden und Solothurn festgestellt. In den Kantonen Zürich und Wallis rückte man den gefundenen Populationen mit Pflanzenschutzmitteln zu Leibe.

Spinnentiere

Die Nosferatu-Spinne (Zoropsis spinimana) stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und wurde 1994 bei uns zum ersten Mal nachgewiesen. Es ist nicht vollständig geklärt, ob die Spinne als blinder Passagier über Importe zu uns gekommen oder natürlich eingewandert ist. Klar ist, dass sie sich aufgrund der veränderten klimatischen Bedingungen mittlerweile in der ganzen Schweiz etabliert hat. Die Spinne mit einer Körpergrösse von bis zu 2,5 Zentimetern ist auffällig gross und ihr Biss kann auch die menschliche Haut durchdringen. Allerdings sind die Auswirkungen lediglich vergleichbar mit denen eines Mückenstichs.

Schnecken

Die Spanische Wegschnecke (Arion vulgaris) gehört zu den wenigen invasiven Schnecken der Schweiz. Sie gelangte unabsichtlich mit kontaminiertem Erdmaterial von Zier- und Gartenpflanzen aus Spanien zu uns. Durch ihre Gefrässigkeit kann sie in Landwirtschaft und Gärten grossen Schaden anrichten. Zudem kann sich mit einigen einheimischen Schnecken verpaaren und Nachkommen zeugen, was einerseits die heimischen Arten gefährdet und andererseits ein gezieltes Vorgehen gegen die invasive Art unmöglich macht.

Vögel

Exotische Vögel werden seit Jahrhunderten in Volieren gehalten und gezüchtet. Kein Wunder, dass immer mal wieder welche entkommen. Manche Arten wurden gar gezielt ausgesetzt. Obwohl farbenprächtige Vögel wie dieMandarinente (Aix galericulata) oft als Bereicherung empfunden werden, können sie die einheimischen Arten verdrängen. Ein besonderes Augenmerk werfen Vogelkundige daher auf die aus Nordamerika stammende Schwarzkopfruderente (Oxyura jamaicensis). Die Weibchen der in Europa heimischen Weisskopfruderente finden die Männchen der Schwesternart allzu attraktiv und paaren sich lieber mit ihnen als mit Artgenossen. Die so entstehenden Hybriden gefährden den Erhalt der ohnehin schon seltenen europäischen Entenart. Die Schwarzkopfruderente wird daher auch in der Schweiz bekämpft.

Säugetiere

Unter den Säugetieren sind es meist Arten, welche zur Pelzgewinnung gezüchtet wurden, die entkamen und sich bei uns etablieren konnten. Darunter ist auch die aus Südamerika stammende Nutria (Myocastor coypus), welche aus Frankreich und Deutschland zu uns über die Grenze kam. Sporadisch wird der grosse Nager in der Ajoie, im Genferseebecken, bei Basel, entlang des Rheins und seit Kurzem auch im Tessin beobachtet. Damit sich die Art nicht weiter ausbreiten kann, werden die Tiere jedoch systematisch beseitigt. Nutrias können Uferbereiche untergraben und sind zudem Träger von auf Menschen übertragbaren Krankheiten wie Leptospirose. Die Nutria kann vom Biber anhand der weissen, langen Schnurrhaare und des länglichen, runden Schwanzes unterschieden werden.

 


«Ausrotten geht kaum»

Dr. Dominique Mazzi ist Biologin und widmet ihre Forschung invasiven Arten, die die Schweizer Landwirtschaft und Biodiversität bedrohen. Seit 2023 ist sie Leiterin der Forschungsgruppe Neobiota bei Agroscope und dem Kompetenzzentrum Neobiota in Cadenazzo, Tessin.

Frau Mazzi, welche Neozoen beschäftigen Sie am meisten?

Es sind die kleinen Tiere, die für mich im Fokus liegen. Insekten haben für die Landwirtschaft eine wichtige Bedeutung, nicht nur als Bestäuber, sondern leider oft auch als Schädlinge.

Welche Tierart macht Ihnen aktuell am meisten Sorgen?

Sicher der Japankäfer (Popillia japonica), auch wenn er erst im Süden des Tessins regelmässig vorkommt. Aus anderen Ländern eingeschleppte Arten sind besonders gefährlich, da sie bei uns unter Umständen lange unentdeckt bleiben und sich durch den Mangel an natürlichen Feinden rasch ausbreiten und grossen Schaden anrichten können. Erste Untersuchungen zeigen, dass der Japankäfer nicht nur massive Schäden an vielen Pflanzen anrichtet, sondern auch einheimische Käfer verdrängen kann. Der ursprünglich aus Japan stammende Käfer ist als invasive Art in den USA zwar schon gut untersucht, aber die Erkenntnisse lassen sich nur schwer auf die Schweiz übertragen. Bei uns ist alles viel kleinräumiger, die landwirtschaftlichen Flächen weniger gross und dafür abwechslungsreicher. Viele Pflanzenschutzmittel, die in Amerika zugelassen sind, dürfen in der Schweiz zudem nicht eingesetzt werden. Wir stehen mit der Forschung also ganz am Anfang. Ab 2024 werden wir uns im Kompetenzzentrum Neobiota intensiv mit dem Japankäfer auseinandersetzen.

Wie gehen Sie vor, wenn ein neuer Schädling in der Schweiz auftaucht?

Meistens gibt es erst mal eine Periode des «Kennenlernens». Neozoen sind oft keine Schädlinge in ihrem Ursprungsgebiet. Entsprechend wenig weiss man über die Tiere oder die Kenntnisse sind schwer zugänglich. Wir fangen also damit an, die Biologie und Ökologie der neu auftretenden Art zu untersuchen. Realistischerweise ist das aber halt auch Zeit, die man für deren Bekämpfung verliert. Ein gutes Beispiel ist die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii). Sie wurde wahrscheinlich mit befallenen Früchten aus Asien mit dem Schiff nach Europa eingeschleppt und verbreitete sich von dort aus rasch über den ganzen Kontinent. Sie befällt reifendes Obst wie Beeren, Kirschen, Zwetschgen und Trauben und schadet damit einem ganzen Landwirtschaftszweig. Als sie 2011 in der Schweiz nachgewiesen wurde, sprach das Parlament einer Nationalen Taskforce Gelder zu, um die Kirschessigfliege zu erforschen und Bekämpfungsmassnahmen zu entwickeln.

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Was haben Sie als Erstes ausprobiert?

Zuerst versucht man es in der Regel mit Pflanzenschutzmitteln, um kurzfristig die Produktion zu sichern. Bei der Kirschessigfliege stellten wir aber schnell fest, dass diese nicht ausreichen. Als Nächstes testeten wir den Einsatz feiner Netze, mit denen man zum Beispiel Kirschenanlagen schützen kann. Da stellten sich schnell viele Fragen: Wie eng müssen die Maschen sein? Wie wirkt sich das Netz auf das Mikroklima am Baum und an den Früchten aus? Was kostet so was? Letztlich ist die Hauptfrage immer, ob sich eine Massnahme für den Produzenten lohnt. Ist es teurer, etwas zu tun oder einen Teil der Ernte zu verlieren? Das kann frustrierend sein. Viele Produzenten geben auf. Im Tessin zum Beispiel versuchen aktuell viele Winzer ihre kleinen Rebberge zu verkaufen, weil ihnen Schädlinge schlicht die Ernte vernichten. Das hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Konsequenzen. Rebberge verwildern oder werden aufgelöst, das verändert nicht zuletzt auch das Landschaftsbild.

Gibt es eine Lösung gegen die Fruchtfliege?

Nebst den Netzen haben wir dann noch andere Dinge ausprobiert. Schliesslich sind unsere Kollegen des CABI (Centre for Agriculture and Bioscience International) in Delémont auf eine Wespenart gestossen, welche ihre Eier in die Larven von Kirschessigfliegen legt und diese somit tötet. Die Asiatische Schlupfwespe (Ganaspis brasiliensis) wird vom Geruch reifender Früchte angezogen und findet so ihre Beute, die Kirschessigfliegenlarven. Einheimische Fliegenarten, die sich alle auf verrottendes Obst spezialisiert haben, werden von der Schlupfwespe verschont. Wir haben dazu viele Versuche im Labor gemacht, um möglichst auszuschliessen, dass eine Freisetzung der Asiatischen Schlupfwespe die heimischen Arten bedrohen würde. Ende 2023 haben wir dann die Genehmigung vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) bekommen, Asiatische Schlupfwespen auf die Kirschessigfliege im Freiland anzusetzen. Nun muss sich zeigen, ob diese Methode sich bewährt.

Ein Neozoon wird also gegen ein Neozoon eingesetzt?

Ja, genau. Das klingt vielleicht etwas paradox und riskant, aber genau deswegen brauchte es 12 Jahre Forschung, bis wir jetzt an dem Punkt sind. Wir müssen sicherstellen, dass der biologische Schädlingsbekämpfer, die Wespe, keine nennenswerten Schäden an der einheimischen Natur anrichtet. Sonst stehen wir vor dem nächsten Problem. Solche Massnahmen unterliegen jedoch sehr strengen Regeln und Vorschriften und würden nicht umgesetzt werden, wenn es Zweifel an der Wirksamkeit und der Unbedenklichkeit an der Umwelt gäbe.

Dann ist eine Lösung zumindest in Fall der Kirschessigfliege gefunden?

Auch die Asiatische Schlupfwespe wird hier sicher nicht die Wunderlösung bieten. Weiterhin wird man je nach Kultur verschiedene Methoden miteinander kombinieren müssen, um den maximalen Effekt erzielen zu können. Grundsätzlich ist es mit den meisten Schad-insekten wie mit vielen anderen Neozoen: Wenn sie einmal da sind, müssen wir mit ihnen leben lernen.

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