Wisente in Solothurn
Auferstehung des Urrinds
Die Liste der in der Schweiz ausgestorbenen Tiere ist lang. Der Wisent, das grösste Säugetier in Europa, soll nun als eins davon in unsere Wälder zurückkehren.
Wer vor knapp 1000 Jahren in den Schweizer Wäldern unterwegs war, der hatte die Chance, auf einen wahren Koloss zu treffen. Männliche Wisente (Bos bonasus) wiegen bis zu einer Tonne, die Kühe knapp die Hälfte. Anders als ihre Verwandten, die Bisons Nordamerikas, leben sie nicht auf offenem Grasland, sondern in den gemässigten Laub-, Nadel- und Mischwäldern Europas. Aufgrund ihrer Grösse wurden Wisente als Fleischlieferanten gejagt, ihr Lebensraum schwand wegen der Abholzung der Wälder, und die Tiere standen 1920 kurz vor der weltweiten Ausrottung. Der letzte frei lebende Wisent wurde 1927 im Kaukasus geschossen. In der Schweiz war er da schon längst verschwunden.
Dort fanden dann 1940 auch die ersten Bemühungen statt, den Wisent wieder anzusiedeln. Die fünf ausgewilderten Tiere stammten aus einer sowjetischen Zucht und vermehrten sich bis 1985 auf fast 1400 Individuen, die die Bergwälder und alpinen Wiesen des Westkaukasus zurückeroberten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind heute noch rund 540 Tiere übrig. Ihr knapp 300 000 Hektaren grosser Lebensraum wurde 1999 zum Unesco-Weltnaturerbe, dem Kaukasus-Naturreservat, erklärt.
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Ebenfalls zu den Weltnaturerben zählt der Nationalpark Białowieża an der Grenze zwischen Polen und Belarus. Der Wald gilt als einer der letzten verbliebenen Urwälder Europas. Bereits Endes des 18. Jahrhunderts stand das Gebiet unter strengem Schutz des russischen Zaren, und selbst davor durften Wisente dort nur mit besonderer Bewilligung des polnischen Herrschers gejagt werden. Zwei Seuchen dezimierten den Wisentbestand jedoch stark, und nach dem Ersten Weltkrieg fielen die meisten der übrig gebliebenen Tiere marodierenden Soldaten und Wilderern zum Opfer. Glücklicherweise wurden davor immer wieder Wisente gefangen und an Zoos verschenkt, sodass bei der Erhaltung der Art auf deren Nachkommen zurückgegriffen werden konnte. Alle heute frei lebenden Wisente stammen von zwölf in Zoos und Tiergehegen gehaltenen Tieren ab.
Wissenschaftlich geleitete Rückkehr
Auch in den Schweizer Zoos können die urtümlichen Rinder bewundert werden, unter anderem im Wildnispark Langenberg (ZH). Christian Stauffer war hier bis 2013 Geschäftsleiter und hat die Tiere hautnah erlebt. Als späterer Chef des Netzwerks Schweizer Pärkehatte er eine Vision: den Wisenten in der Schweiz eine zweite Chance geben. Zusammen mit zwei Mitstreitern gründete er 2017 den Verein «Wisent im Thal». Sein Ziel: mit einer Testherde wissenschaftlich zu überprüfen, ob der Traum von der Rückkehr des Urrinds in der Schweiz Realität werden kann.
Bei allen Wiederansiedlungsprojekten stellt sich stets die Frage, wo ein geeigneter Lebensraum zu finden ist. Wisente brauchen ausgedehnte Wälder, um sich wohlzufühlen. In Białowieża ist das kein Problem. Der Park ist über 140 000 Hektaren gross, so gross wie der Kanton Aargau. 1998 beschloss man, in der Sperrzone von Tschernobyl Wisente auszuwildern. Der heutige Naturschutzpark umfasst mit knapp 216 000 Hektaren eine menschenleere Fläche, auf der sich aktuell drei Wisentherden mit insgesamt etwas mehr als 90 Tieren wohlfühlen. Auch in der Slowakei und in Rumänien fanden sich ausgedehnte Naturschutzgebiete, die sich für die Wiederansiedlung der grossen Rinder eigneten. Und in der Schweiz? Im Solothurner Naturpark Thal liegt eines der grössten zusammenhängenden Waldgebiete unseres Landes. Allerdings ist die Region auch geprägt durch Landwirtschaft und unterscheidet sich so wesentlich von den meisten anderen europäischen Gebieten, in denen der Wisent heute lebt. Der Leiter des Projekts «Wisent Thal», Otto Holzgang, ist sich dessen bewusst. «Bevor eine Wiedereinbürgerung des Wisents im Jura realisiert werden kann, müssen wir untersuchen, wie sich die Tiere hier verhalten und was ihr Einfluss auf die Landschaft ist», so der Biologe. Das Projekt «Wisent Thal» orientiert sich dabei am Konzept eines vergleichbaren Projekts im Rothaargebirge in Deutschland.
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Angestossen wurde die Idee, Wisente auch in unserem nördlichen Nachbarland anzusiedeln, vom deutschen Unternehmer Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, der auch das entsprechende Gelände zur Verfügung stellte. Nach einer Machbarkeitsstudie zusammen mit dem Bundesamt für Naturschutz stand fest: Die Wisente waren im Rothaargebirge nicht nur einst heimisch, sondern es würde sich durchaus auch für eine Wiederansiedlung eignen. Zehn Tiere aus deutschen Zuchtstationen und zoologischen Einrichtungen lebten zunächst in einem 88 Hektaren grossen Eingewöhnungsgehege und wurden dort auf ihre spätere Freilassung vorbereitet. In dieser Projektphase sollten die Tiere sich an den Lebensraum mit seinem Nahrungsangebot gewöhnen, einen festen Sozialverband bilden und sich fortpflanzen. Zudem war ein wichtiges Ziel, dass die Tiere ihre ursprüngliche Scheu vor den Menschen wieder gewinnen.
Konflikten entgegenwirken
In der Schweiz gewann der Verein «Wisent im Thal» Benjamin Brunner als Verbündeten in seinem Vorhaben. Der Landwirt war sofort begeistert von der Idee, Wisente auf seinem Gelände zu beherbergen. So kam es, dass bei Welschenrohr ein kleines Gebiet mit Wald und Wiesen eingezäunt wurde, in das bald darauf drei Kühe und ein Kalb aus dem Wildnispark Langenberg, sowie ein Stier aus dem Wildpark Bruderhaus in Winterthur einzogen. Auf den 51 Hektaren werden die Wisente genau beobachtet. «Das Wisentgehege ist für Besucher frei begehbar», erklärt Otto Holzgang und öffnet das Gatter. Von hier aus führt ein Schotterweg über die Wiese zum Wald, ein beliebter Pfad für Wanderer und Biker. Wie reagieren die Wisente auf diese? «Einige Verhaltensregeln gilt es auf jeden Fall zu beachten», erklärt Holzgang. Diese werden am Gatter sowohl in Deutsch als auch in Französisch auf einem Schild genau erklärt. Landwirt Benjamin Brunner agiert zudem als Wisent-Ranger: Er ist regelmässig vor Ort und vermittelt zwischen Mensch und Tier. So muss immer mindestens eine Distanz von 50 Metern zu den Tieren eingehalten werden. Keinesfalls sollte man sich den Tieren nähern oder gar auf die Idee kommen, sie streicheln zu wollen.
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Es knackt im Unterholz und ein zottliger Kopf kommt zum Vorschein. Der grosse Wisentbulle betritt gemächlich die Wiese, gefolgt von den drei Kühen und dem schon etwas älteren Kalb. «Mindestens eine der Kühe ist trächtig», freut sich Otto Holzgang. Das Kalb wird am 4. Juli 2023 geboren, kurz darauf folgt ein zweites, aber das weiss der Biologe zu dem Zeitpunkt noch nicht. Es ist Mitte Mai und die Ausflugsaison hat gerade begonnen. Zwei Radfahrer möchten das Bisongehege durchqueren und Benjamin Brunner instruiert die beiden, wie sie das gefahrlos tun können. Die Räder schiebend halten die Radfahrer reichlich Abstand zu den Wisenten, die die beiden Besucher argwöhnisch beäugen. «An der Körpersprache erkennt man, dass die Tiere zwar neugierig sind, aber die Leute nicht als Bedrohung ansehen», erklärt Otto Holzgang. Ziel ist es auch bei der Schweizer Herde, dass die Wisente die Menschen meiden. Die Wahrscheinlichkeit, nach der ersten Phase einem Wisent im Jura zu begegnen, ist ohnehin klein. Sobald sich die Herde eingewöhnt hat, wird das elektrisch eingezäunte Gebiet auf 106 Hektaren und somit auf etwas mehr als einen Quadratkilometer erweitert.
In der Phase drei werden die Zäune komplett entfernt. Dann hindern nur noch die ohnehin bereits bestehenden Weidezäune die Wisente daran, den Wald zu verlassen. «Deswegen und wegen der Topografie erwarten wir, dass die Testherde im Gebiet bleiben wird», erläutert Otto Holzgang. Doch schon jetzt ist die Herde im relativ kleinen Testgehege nicht immer leicht zu finden. Zwei der Kühe tragen daher einen Teleme-triesender an einem Halsband. Mithilfe dieser Sender kann Ranger Benjamin Brunner die Herde aufspüren. Er wird insbesondere in der dritten Phase, wenn sich die Wisente frei in der Region bewegen können, jederzeit erreichbar und schnell vor Ort sein, um Auskunft, Beratung und Hilfe für Personen zu geben, die mit den Wisenten in Kontakt oder in Konflikt kommen.
Wer haftet für Schäden?
Schon während der Planungsphase des Projekts zeigte sich, dass das Vorhaben nicht überall auf Gegenliebe stösst. Zahlreiche Einsprachen gingen ein und manch einer äusserte nicht zuletzt in den Medien lautstarke Kritik. Vor allem aus Bauern- und Jägerkreisen wurden immer kritische Stimmen zum Projekt laut. Man befürchtet, dass Schäden an Wald und Feldern durch die Wisente entstünden, deren Behebung dann juristisch schwer einzuklagen seien. «Die erste und zweite Phase des Projekts, während deren sich die Wisente in einem umzäunten Gebiet aufhalten, dient unter anderem dazu, solche möglichen Schäden und die daraus entstehenden Konflikte wissenschaftlich zu erheben», erklärt Otto Holzgang.
Eine Art potenzieller Schäden sind wirtschaftliche Einbussen der Forstbetriebe durch das Abfressen der Endtriebe junger Bäume und durch das Abschälen von Rinden an Bäumen aller Altersklassen. Durch die Bestandesaufnahme vor der Ankunft der Wisente weiss der Verein bereits, welche Verbissschäden es durch andere Wildtiere in der Gegend gibt. «Durch die systematische Erfassung der Frassschäden an den Bäumen im Wisentgehege können wir den potenziell entstehenden Schaden, der eine frei lebende Herde verursachen würde, abschätzen», so Holzgang. Der Biologe ist sich auch bewusst, dass die Wisente auf den Wiesen und Weiden Nahrung suchen werden, so wie es auch Rehe und Gämsen regelmässig tun. Ob es dadurch zu Schäden in der Landwirtschaft kommt, hänge von der Art und Menge der gefressenen Pflanzen und von der Jahreszeit ab. Entsprechende Versuche sollen demnächst im Wisentgehege durchgeführt werden, bei denen festgestellt werden soll, welche Feldfrüchte die Tiere ins Visier nehmen könnten.
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Holzgang hat als Wildtierbiologe viel Erfahrung mit der Thematik. Er beschäftigte sich in seiner Doktorarbeit mit dem Futterangebot von Wiesen und Weiden für den Rothirsch. Generell wird das Projekt von einem grossen Team von Biologinnen begleitet, darunter auch durch die Botanikerin Dunja Al Jabaji, die den Einfluss der Wisente auf die Vegetation untersucht. Erst wenn es wissenschaftlich gesichert vertretbar ist, startet die nächste Phase des Projekts. 2024 soll es in die zweite Phase gehen und die Tiere damit in das grössere Gehege ziehen.
Für die deutsche Wisentherde im Rothaargebirge winkte 2013 die Freiheit. Acht Tiere wurden im April definitiv ausgewildert. Die Herde umfasst heute 40 Tiere und hat sich geteilt. Während ihrer Jahre ausserhalb des umzäunten Gebiets wanderten die Wisente auch in die umliegenden Gegenden, kreuzten Strassen und frassen Silage. Dies lockte nicht nur zahlreiche Schaulustige an, sondern führte auch zu Unmut bei Landwirten und Landbesitzern. Übernahm die Versicherung des Trägervereins anfangs noch die Zahlung für geltend gemachte Schälschäden, so entfachte sich rasch ein Rechtsstreit. Nach Auffassung des Vereins und der Versicherung gelten die frei lebenden Wisente als herrenlos, sodass die Versicherung die Zahlung wegen Schälschäden einstellte. Der Fall ging bis zum Bundesgericht, das den Trägerverein dafür verurteilte, geeignete Massnahmen zu treffen, um weitere Schäden zu verhindern, und für entstandene Schäden aufzukommen. Inzwischen wurde ein entsprechender Wildschädenfonds eingerichtet.
Das wird in der Schweiz nicht passieren. «Unsere Wisentherde hat den rechtlichen Status einer frei laufenden Herde im Besitz des Vereins Wisent im Thal», erklärt Otto Holzgang. Somit haftet der Verein für die Tiere und hat eine entsprechende Versicherung abgeschlossen, die für die Schäden während der Projektphasen aufkommt. Eine definitive Auswilderung der Wisente würde zudem die Bewilligung des Bundes erfordern. «Erst wenn der Test nach zehn Jahren positive Ergebnisse zeigt, kann der Kanton Solothurn ein Gesuch für die definitive Auswilderung der Wisente beim Bund stellen», so der Projektleiter. Der Verein Wisent im Thal sei dazu rechtlich nicht in der Lage. Bis es so weit ist, dass Wisente wieder frei im Jura umherstreifen, werden allerdings noch einige Jahre und viele Studien vergehen müssen.
Überblick der Projektphasen
Phase I: Die Wisent-Testherde hält sich in einem 51 Hektaren grossen Gehege auf. In dieser Eingewöhnungsphase werden Untersuchungen zum Verhalten der Tiere und den damit allenfalls verbundenen Konflikten durchgeführt. Dauer: ca. 2 Jahre.
Phase II: Das eingezäunte Gebiet wird auf 106 Hektaren erweitert. Während rund drei Jahren wird weiter untersucht, ob eine frei laufende Herde tragbar erscheint.
Phase III: Die Zäune werden abgebaut und die Testherde kann sich während fünf Jahren frei bewegen. Die Zielgrösse der Herde soll dabei 15 bis 25 Tiere nicht überschreiten.
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