Ein kleines Rotkehlchen zappelt im Netz. Es ist gegen das feine, vertikal aufgestellte Geflecht geflogen, welches aus wissenschaftlichen Gründen aufgestellt wurde. Bevor es sich verheddern kann, befreit Zwahlen es sorgfältig. Die Biologin leitet zwischen Juli und Oktober die Beringungsstation auf dem Col de Bretolet im Wallis an der Grenze zu Frankreich. Abertausende Vögel nutzen den 1923 Metern hohen Pass auf ihrem Weg in den Süden, um die Alpen zu überqueren. Das Rotkehlchen trägt bereits einen Ring, dessen Nummer Zwahlen im Computer festhält und später in der internationalen Datenbank einträgt. Dabei kommt zutage, dass das Tier 2022 in Rybachiy (Kaliningrad, Russland) beringt worden war. Der kleine Vogel hat also auf seiner Reise über 1400 Kilometer zurückgelegt. Damit ist er jedoch nicht der Rekordhalter. «2019 hatten wir einen Fitis beringt, der 2023 in Ogugu Olamaboro in Nigeria gefunden wurde. Das sind fast 4000 Kilometer!», berichtet Zwahlen.

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Die Beringungsstation auf dem Col de Bretolet wird seit 1958 von der Vogelwarte Sempach betrieben. Jedes Jahr werden hier am gleichen Standort zahlreiche Vogelnetze aufgestellt, um Zugvögel abzufangen. Die Tiere werden sorgfältig bestimmt, vermessen, mit einem Ring versehen und wieder freigelassen – um das Zugverhalten zu erforschen. Die Arbeit wird jeweils von einer Beringerin, einem Zivildienstleistenden und zahlreichen Freiwilligen verrichtet. Die Netze sind Tag und Nacht geöffnet, werden stündlich kontrolliert und nur geschlossen, wenn das Wetter zu windig oder regnerisch ist. Für Irmi Zwahlen, der aktuellen Beringerin und Leiterin der Station, bedeutet das, dass sie auch nachts alle drei Stunden aufstehen muss, um die gefangenen Tiere zu vermessen und zu beringen. 2023 gingen ihr während der drei Monate auf dem Pass über 20 000 Vögel von 89 Arten ins Netz, eine überdurchschnittlich hohe Zahl.

Bonner KonventionDa wandernde Tierarten keine Landesgrenzen respektieren, trat 1983 das Übereinkommen zur Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten (CMS) – die sogenannte Bonner Konvention – in Kraft, der sich inzwischen mehr als 130 Staaten als Mitglieder angeschlossen haben. Sie hat zum Ziel, wandernde Tiere an Land, in der Luft und den Ozeanen durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit besser zu schützen. Bei der diesjährigen Konferenz in Usbekistan gab besonders der Status von Meeresbewohnern Anlass zur Sorge. Beifang in der Fischerei, Plastik in den Ozeanen, Überfischung und die Auswirkungen von Tiefseebergbau gehören zu den Herausforderungen, die die Delegierten beschäftigen. Eines der Ergebnisse der Konferenz ist eine neue Initiative, um Gebiete, die für wandernde Tierarten wichtig sind, zu identifizieren, zu schützen und zu verbinden.

Dauergäste und Seltenheiten

Jeder vierte Vogel war dabei ein Buchfink. Wie das Rotkehlchen zählt er je nach Region zu den Zugvögeln oder den Teilziehern. Unter Letzteren versteht man Arten, bei denen manche Tiere im Winter in den Süden ziehen, andere jedoch im Brutgebiet verbleiben. «Bei Rotkehlchen hat man im Winter oft das Gefühl, dass sie zutraulicher sind. Das liegt daran, dass die Tiere nicht dieselben sind wie die im Sommer», erklärt Irmi Zwahlen. Während unsere Rotkehlchen im Herbst weiter Richtung Süden ziehen, überwintern Tiere aus dem Nordosten Europas bei uns. Ähnlich sieht es mit den Buchfinken aus. Nebst solchen Vögeln, die sich auf dem Weg in den Süden befanden, waren unter den Tieren im Netz auch jene, die zu der lokalen Brutvogelpopulation zählen.

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Unter den Tausenden Vögeln, die auf dem Col de Bretolet im Netz landen, zählen auch Arten, welche selbst erfahrene Ornithologen wie Irmi Zwahlen selten zu Gesicht bekommen. So verirrte sich 2023 ein Mauerläufer ins Netz. Diese Vogelart brütet an steilen Felswänden in den Alpen und ist dort wegen seines grauen Gefieders gut getarnt. Lediglich im Flug zeigt er die an der Basis leuchtend rot gefärbten Flügel. Bisher hat sich in den 66 Fangjahren erst 20-mal ein solches Tier im Netz verfangen. Noch seltener konnte auf dem Col de Bretolet ein Halsbandschnäpper beringt werden. Das Exemplar aus 2023 war erst das elfte Tier dieser Art.«Zudem hatten wir letztes Jahr vier Birkhühner, welche wir auch erst selten im Netz hatten», schwärmt Zwahlen. Solche Fänge bringen eine willkommene Abwechslung und machen die Arbeit der Biologin umso spannender.

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Nächtliche Reisende

Nicht nur Vögel nutzen den Col de Bretolet als Reiseroute, auch Fledermäuse ziehen über den Pass in den Süden und bleiben ab und zu in den Netzen hängen. Die meisten der rund 200 Fledermäuse, die Irmi Zwahlen 2023 ins Netz gingen, gehörten zu den Braunen Langohren. Diese Art gehört zu den Fledermäusen, die auch in grossen Höhenlagen noch aktiv sind. Eine Wochenstube, in denen die Tiere ihre Jungen aufziehen, fand man gar in 2300 Metern über Meer. Braune Langohren gehören auf dem Col de Bretolet also zur typischen lokalen Fledermausfauna.

Anders der Kleine Abendsegler: Diese Fledermausart hat ihren Lebensraum im Flachland. Doch im Herbst überqueren Tausende dieser Tiere die Schweizer Alpenpässe auf dem Weg in den Süden. Die Kleinen Abendsegler gehören zu jenen Fledermausarten, die ähnlich wie Zugvögel den Winter im wärmeren Klima verbringen. Die Tiere, die den Col de Bretolet überqueren, kommen meistens aus dem Norden Deutschlands oder aus Polen und befinden sind auf dem Weg nach Südfrankreich. Auch Rauhautfledermäuse werden auf dem Pass regelmässig aus den Netzen gefischt. Man vermutet, dass die Tiere zum Teil in den Alpen überwintern. Andere fliegen ähnlich wie die Kleinen Abendsegler weiter nach Südfrankreich. Die bisherige Rekordhalterin unter den ziehenden Fledermäusen war eine Rauhautfledermaus, die 2015 in Pape (Litauen) beringt und 2017 an der Laguna de Pitillas im Norden Spaniens tot aufgefunden wurde. Dadurch hat sie eine Distanz von mindestens 2200 Kilometern zurückgelegt.

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Fledermäuse zehren auf ihrer langen Reise nicht nur vom im Sommer angefressenen Fett, sondern jagen auf dem Weg zusätzlich nach Insekten. Auch hier spielt der Col de Bretolet eine entscheidende Rolle, denn der Pass dient nicht nur Wirbeltieren als idealer Überquerungspunkt der Alpen, sondern auch Wirbellosen. «Viele Menschen wissen nicht, dass manche Insekten ebenfalls im Herbst in den Süden ziehen», so Irmi Zwahlen. An manchen Tagen bietet dieses Phänomen ein besonders eindrückliches Schauspiel. «Die Abertausenden Insekten ziehen in langen Schwärmen über den Pass, sodass die Luft regelrecht glitzert.» Besonders Anfang Oktober kann man den Zug der Insekten von blossem Auge beobachten.

Forschung mit Leichtflugzeug

Diesem Phänomen ist ein anderer ehemaliger Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach seit Jahren auf der Spur. Marco Thoma leitete die Beringungsstation auf dem Col de Bretolet vor Irmi Zwahlen und hat sein Herz nicht ausschliesslich an die Vögel, sondern auch an Insekten verloren. Seine Doktorarbeit widmete er einem besonders hübschen Schmetterling, dem Admiral, der leicht an seinen schwarzen Flügeln mit orangen Streifen und weissen Flecken erkennbar ist. Im Herbst fliegen Millionen von Faltern Richtung Südeuropa. Ein Spektakel, welches dem Wissenschaftler Grundlagen schaffte: Marco Thoma gewann einen grossen Teil der Daten mithilfe von «Citizen Science», sogenannterBürgerwissenschaft. Tausende Beobachterinnen und Beobachter aus ganz Europa meldeten Admirale auf Onlineportalen, sodass dem Biologen über eine halbe Million Datenpunkte zur Verfügung standen. Fazit: Es zeigte sich nicht nur eine klare Nord-Süd-Bewegung des Schmetterlings, sondern auch besondere Datenpunkte wie eine Sichtung auf dem Gipfel der Jungfrau im Berner Oberland in einer Höhe von 4000 Metern. Welche Strecken der Admiral dabei zurücklegt, ist schwierig zu bestimmen. Im Gegensatz zu Vögeln und Fledermäusen kann man die Insekten weder beringen noch mit einem Sender versehen. Wissenschaftler bedienen sich hier einer chemischen Methode. Sie untersuchen Wasserstoff-Isotope im Gewebe der Insekten, mithilfe deren Zusammensetzung bestimmt werden kann, in welchem Gebiet das Tier aufgewachsen ist. So fanden sie heraus, dass jene Falter, die im Herbst in den Süden ziehen, nie zurückkehren. Die Admirale, die im Frühling zurück in den Norden fliegen, sind die Nachkommen der Herbstzieher. Sie schlüpfen im Süden und treten anstelle ihrer Eltern den Weg zurück über die Alpen an. Dieses Phänomen nennt man «Generationenwanderung», da jede Generationjeweils nur einen Teil der Reise unternimmt. Dabei erreichen Admirale eineGeschwindigkeit von bis zu 20 Stundenkilometern, wie Marco Thoma zeigen konnte.

Die Untersuchung von Wasserstoff-Isotopen war dem australischen Forscher Myles Menz nicht genug. Er wollte es genau wissen und untersuchte dafür die grösste ziehende Falterart Europas, den Totenkopfschwärmer. Auf dem Col de Bretolet fing er drei dieser Nachfalter, klebte winzige Funksender auf ihre Rücken und verfolgte ihre weitere Reise mit einem Leichtflugzeug. Nach den ersten Testflügen zog Menz weitere 14 Tiere im Labor auf und folgte den unerfahrenen Faltern auf ihrem Weg über die Alpen. Dabei fand der Entomologe heraus, dass sich die Totenkopfschwärmer dem Wind anpassten und dabei ihre Route nicht aus den Augen verloren. Bis anhin ging man davon aus, dass Insekten sich primär vom Wind treiben lassen, doch die Totenkopfschwärmer legten ihre Strecke auf einer vollkommen geraden Flugbahn zurück, ungeachtet der Windrichtung. Menz vermutet, dass die Tiere stattdessen eine Art angeborenen inneren Kompass besitzen, anhand dessen sie den kürzesten Weg in die Winterquartiere im Süden finden.

Die Schweiz als Überwinterungsort

Für manche Tiere aus dem hohen Norden ist die Schweiz schon südlich genug. Gerade Wasservögel nutzen die Schweiz mit ihren vielen Seen und Flüssen gerne als Winterquartier. Die Vogelwarte geht davon aus, dass rund eine halbe Million Wasservögel alljährlich den Winter auf unseren Gewässern verbringen. Seit 1967 werden die Bestände im Rahmen der internationalen Wasservogelzählungen erfasst. Insbesondere das Ufer des Neuenburger- und Bodensees, der Klingnauerstausee, Teile der Rhone und Les Grangettes am Genfersee sind Zugvogelreservate von internationaler Bedeutung. Hier überwintern unter anderem jedes Jahr Krickenten und Pfeifenten aus Sibirien, Spiessenten aus Nordwesteuropa, und Eiderenten aus dem hohen Norden.

Vogelbeobachtungen, egal, ob gewöhnlich oder ungewöhnlich, können auf der Plattform ornitho.ch gemeldet werden. Die Daten helfen der Vogelwarte Sempach und der Schweizerischen Avifaunistischen Kommission bei der Untersuchung von Schweizer Vögeln und ihrem Zugverhalten. Auch Besucher an den Futterhäuschen können gemeldet werden. Wer weiss, vielleicht kommt das dort im Winter sitzende Rotkehlchen ja aus dem fernen Sibirien.

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Beeindruckende Zahlen
Massenmigration zu Fuss
Mit der «Great Migration» spielt sich in der Serengeti eine der beeindruckendsten Tierwanderungen ab. Jedes Jahr wandern rund 1,2 Millionen Gnus, 400 000 Gazellen und 200 000 Zebras von Tansania Richtung Masai Mara in Kenia und zurück. Sie folgen dabei dem Regen und damit auch den Futter- und Wasserplätzen.

Schwimmende Kolosse
Im Oktober machen sich Grauwale auf den Weg von der Beringsee vor Alaska ins rund 8000 Kilometer südliche warme Gewässer von Baja California in Mexiko. Im Frühling schwimmen sie dieselbe Strecke zurück. Mit 16 000 Kilometern sind die bis zu 27 Tonnen schweren Tiere nicht nur die am weitesten wandernden Säugetiere, sondern auch die grössten.

Gefürchtet
Mehrere Arten der Feldheuschrecken, kollektiv als Wanderheuschrecken bezeichnet, vernichten in Schwärmen von mehreren Milliarden Tiere die Ernte ganzer Landstriche in Afrika, Südamerika und Australien. Auch in Europa kannte man Heuschreckenplagen. Die letzte grosse Invasion der Tiere wird in Mitteleuropa für 1749 beschrieben.

Rekordstrecke
Die Küstenseeschwalbe überquert zweimal im Jahr nahezu den ganzen Globus und legen dabei mehr als 80 000 Kilometer zurück. Von ihren Brutgebieten wie Island und Grönland in der arktischen Region fliegen sie in die Antarktis und zurück.

 

Filmtipp: Unser Planet 2Die britische Naturdokumentationsreihe «Unser Planet» widmet ihren zweiten Teil den zahlreichen Tierwanderungen rund um den Globus. Kommentiert wird sie von niemand anderem als dem ikonischen Sir David Attenborough und zeigt in gewohnt spektakulären Bildern die Risiken, mit denen es die Tiere auf ihrer Reise aufnehmen müssen.