Astrobiologie
«Wir sind näher dran, ausserirdisches Leben zu finden, als je zuvor»
Die Suche nach ausserirdischem Leben hat durch technologische Fortschritte an Fahrt gewonnen. Wissenschaftler untersuchen Planeten in unserem Sonnensystem sowie Exoplaneten und setzen dabei auf chemische Indikatoren, um mögliche Lebensformen aufzuspüren. Experten diskutieren die weitreichenden Auswirkungen einer solchen Entdeckung auf unser Weltbild.
Herr Angerhausen, gibt es ausserirdisches Leben?
Das ist sicher eine der grossen Fragen der Wissenschaft, über die schon lange spekuliert wird. Nun haben wir zum ersten Mal in der Geschichte auch die Technologie, um dieser Frage praktisch nachzugehen. Noch vor zwanzig bis dreissig Jahren waren zum Beispiel unsere Teleskope zu schwach, um ausserhalb unseres Sonnensystems nach Hinweisen zu suchen. Während meiner Studienzeit wurden dann immer mehr Exoplaneten – Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems – entdeckt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Leben finden, hängt nun nur noch davon ab, wie häufig Leben vorkommt. Wenn es auf jedem zehnten erdähnlichen Planeten Leben gibt, dann werden wir es wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren finden. Generell sind wir näher dran als je zuvor.
Wie kann man Leben auf anderen Planeten finden, wenn man diese nicht besuchen kann?
In unserem Sonnensystem können wir die Planeten schon ziemlich gut untersuchen, zum Beispiel mit Satelliten. Auf dem Mars haben wir ja auch schon Mars-Rover, die direkt auf der Oberfläche Messungen vornehmen können. Später könnten Sonden Proben zur Analyse mit auf die Erde bringen. Ausserhalb unseres Sonnensystems können wir Planeten nur per Teleskop beobachten. Mithilfe von Lichtspektren kann man dann herausfinden, welche Gase in der Atmosphäre vorhanden sind.
Wie beurteilt man dann, auf welchem Planeten Leben möglich ist?
Dazu gibt es in der Astrobiologie zwei Ansätze: Der eine ist, nach dem zu suchen, was wir hier auf der Erde kennen – sprich nach einem Planeten mit Sauerstoff und Methan in der Atmosphäre und Wasser auf der Oberfläche. Diese sogenannten Biosignaturen sind ein starker Hinweis auf Leben. Der andere Ansatz ist, nach Anomalien zu suchen. Wenn auf einem Planeten kein Leben herrscht, dann fällt er irgendwann in ein chemisches Gleichgewicht. Lebewesen hingegen setzen fortlaufend Energie um und produzieren oder verbrauchen dabei Stoffe, die unter natürlichen Bedingungen nicht dauerhaft nebeneinander existieren können. So reagiert Methan sofort mit Sauerstoff. Wenn man also Methan findet, dann muss da etwas sein, das es produziert. Ähnlich ist es mit anderen Ungleichgewichten in chemischen Stoffen, die es eigentlich nicht geben dürfte. Wo man sie findet, kann man näher untersuchen, ob Lebewesen für dieses Ungleichgewicht verantwortlich sind.
Und wenn man dann etwas vor sich hat, wie erkennt man, ob etwas lebt oder nicht?
Das ist tatsächlich ein grosses Problem, denn dazu bräuchte man erst einmal eine klare Definition von «Leben». Es gibt ein paar gängige Voraussetzungen, zum Beispiel, dass ein Lebewesen einen Stoffwechsel haben muss, sich selber reproduziert und der Evolution unterworfen ist. Aber bereits auf der Erde sind sich Wissenschaftler da uneins. Ist ein Virus ein Lebewesen oder nicht? Tatsächlich beschäftigt sich die Astrobiologie daher nicht nur damit, ob es Leben im All gibt, sondern auch damit, wie das Leben auf der Erde entstanden ist und fortbestehen konnte.
Was denken Sie, wie ausserirdisches Leben konkret aussehen könnte?
Wenn man in die Erdgeschichte schaut oder selbst Lebewesen betrachtet, die es jetzt noch gibt, dann findet man dort schon so etwas wie «Aliens». In der Biologie nennt man diese «Extremophile», Organismen, die sich an extreme Umweltbedingungen angepasst haben. Ein bekanntes Beispiel ist das Bärtierchen, das viele kennen. Solche Lebewesen zeigen, welche extremen Formen Leben annehmen kann. Wenn man bedenkt, dass ein Blobfisch bei extremem Druck in der Tiefsee leben kann, dann könnte es vielleicht auch unter der Eisdecke eines Ozeanplaneten oder Eismondes entsprechende Lebensformen geben. Oder wenn Mikroben in der Atacamawüste mit extremen Temperaturschwankungen zurechtkommen, dann gibt es vielleicht auch Leben auf Wüstenplaneten mit ähnlichen Bedingungen. Bis auf ein paar physikalische Grundgesetze sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Wie würde es sich auf die Menschheit auswirken, wenn nun tatsächlich ausserirdisches Leben gefunden werden würde?
Auch da gehen die Meinungen in der Astrobiologie-Community auseinander. Manche Forschende sagen, dass dies die nächste kopernikanische Revolution sein und unser Weltbild komplett verändern würde. Andere sagen, das würde dann mal einen Tag lang auf Seite 3 erwähnt werden und dann würden alle wieder ihrem Alltag nachgehen. Es wird aber wahrscheinlich eine inkrementelle Entdeckung sein, in kleinen Schritten. Erst findet man vielversprechende Moleküle auf Planeten, die unter gewissen Umständen Leben bedeuten könnten; dann wird dies beobachtet, bestätigt und andere Ursachen ausgeschlossen. Das wird in der Öffentlichkeit natürlich anders aufgenommen, als wenn ein UFO auf dem Bundesplatz landen würde. Hinzu kommt, dass wir in der Wissenschaft selten von hundertprozentiger Sicherheit sprechen, weil viele Erkenntnisse immer eine gewisse, zum Beispiel statistische, Unsicherheit bleiben. Das ist ein weiterer Grund, warum die Entdeckung ausserirdischen Lebens eher in Schritten passiert, mit immer grösserer Messgenauigkeit. Und selbst wenn wir uns sicher sind, dass wir Leben gefunden haben, dann dauert es vielleicht auch noch ein bis zwei Generationen, bis es im Bewusstsein der gesamten Gesellschaft angekommen ist.
[IMG 2]
Bitte loggen Sie sich ein, um die Kommentarfunktion zu nutzen.
Falls Sie noch kein Agrarmedien-Login besitzen:
Jetzt registrieren