Lernen im Freien
Ein Kindergarten mitten im Tierpark
Das Einmaleins des sozialen Miteinanders lässt sich auch draussen prima erlernen. Den besten Beleg hierfür liefert der Tierpark-Kindergarten Lauerz: Hier basteln, singen und buddeln die Kleinsten der Schule im Natur- und Tierpark Goldau.
Der nächste Auftrag: «Jeder nimmt etwas von einer Eiche mit!», ruft Fabienne Baumann den elf Kindergärtlern zu, die mit ihren knalligen Rucksäcken und Leuchtwesten im Natur- und Tierpark Goldau nicht zu übersehen sind. Alle gucken gebannt auf das wellenartige Blatt, das die Kindergärtnerin jetzt in die Höhe streckt und dann gibt es kein Halten mehr: Während die einen Eicheln in die Hosentaschen wandern lassen, sammeln andere nur die becherförmigen, schuppigen Hütchen, welche die Nuss umgeben, dritte stecken beides zusammen ein. «Aber Achtung: Nicht essen! Das gibt Bauchweh», schiebt Fabienne Baumann nach, ohne ihre Zöglinge aus den Augen zu lassen.
Und schon ist es Zeit für die nächste Mission. Diesmal wollen die Geissen im Gehege neben dem Weg gezählt werden. Während die älteren Kindergärtler in Windeseile mit dem Zeigefinger und den richtigen Worten die Bestandesaufnahme vollziehen, drehen die jüngeren den Kopf noch etwas unsicher nach links und rechts, um das Gelände nach weiteren Tieren abzusuchen. Die neueingetretenen Vierjährigen sind erst seit zwei Wochen mit von der Partie und nicht nur der Tierpark ist für sie Neuland. Auch mit den Gspänlis und den Abläufen in diesem speziellen Setting mitten im Grünen sind sie noch nicht so routiniert wie die Kinder, die bereits das zweite Jahr angetreten haben. Doch mit der Hilfe von Fabienne Baumann und Claudia Hartmann, die seit Beginn dieses Pilotprojekts im Jahr 2023 mit dabei sind, gewinnen auch die Vierjährigen Tag für Tag mehr Sicherheit.
Bereits nach zehn Minuten wird klar: Nicht nur haben die Kinder soeben einen der häufigsten Laubbäume inklusive Früchte kennengelernt, auch das Zählen wird en passant gelernt, auf dem Weg vom Tierpark-Eingang bis zum «Jägerstübli». In diese Holzhütte kann sich die Gruppe bei Sturm oder eisiger Kälte zurückziehen und abgesehen vom Steinboden und einer Steinbock-Trophäe an der Wand unterscheidet sie sich kaum von einem üblichen Kindergarten. «Aber hier drin sind wir kaum», winkt Claudia Hartmann ab, die auf Naturpädagogik spezialisiert ist. Denn beim Tierpark-Kindergarten Lauerz stehen Erfahrungen im Freien an erster Stelle: Spielen im Wald, Tiere beobachten, lernen mit Naturmaterialien, den Park entdecken. Das Wetter ist dabei kein Grund, sich nicht ins Freie zu wagen. Im Gegenteil: Regen steht bei den Kindern hoch im Kurs. Fabienne Baumann: «Sie stauen das Wasser, spritzen, plantschen, matschen.» Und verdeutlicht damit, was diesen Kindergarten so einzigartig macht. «Wir müssen das Material nicht herbeischaffen, es ist alles schon da!», sagt sie begeistert und dreht sich mit ausgestrecktem Zeigefinger um die eigene Achse. Ebenso angenehm: «Die Kinder und Lehrpersonen sind in diesem Setting viel ausgeglichener und die Geräusche im Freien weniger laut als in Innenräumen.»
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Lernort Natur
Zwar unterscheidet sich der Lerninhalt beim Tierpark-Kindergarten nicht vom regulären: Der Lehrplan 21 gibt auch an diesem Outdoor-Lernort den Rahmen vor, aber «das Lernen geschieht im Freien wie beiläufig», sind sich die beiden Lehrpersonen einig. Und da sind etliche weitere Nuancen: So kommen beim Training der Feinmotorik nicht Farbstifte und Scheren, sondern Äste, Sägen, Schaufeln und Tannzapfen zum Zug. Auch die Planung sei sehr flexibel, was sich nicht nur bei Schnee, grosser Hitze oder anderen Launen der Natur als Vorteil erweist. «Wir lassen die Kinder manchmal einfach machen, weil sie von sich aus auf viele gute Ideen kommen.» Und auch der Standort ist nicht immer der Gleiche, gibt es doch auf den rund 42 Hektaren des Natur- und Tierparks Goldau mit seinen ökologischen Nischen und rund 100 Tierarten immer wieder Neues zu entdecken. Jetzt schrapt Fabienne Baumann mit einem Holzstab über den gezahnten Rückenkamm eines aus Holz geschnitzten Frosches. Die Kinder kommen aus allen Ecken und Enden herbeigerannt. Es ist das akustische Signal, sich zu versammeln und still zu werden. Womit die für heute letzte Aufgabe vor dem Znüni zu Ende geht, dem später eine Sequenz freies Spielen folgen wird. Am Boden elf Sammelsurien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bestehend aus Material, welches die Kinder in der letzten Viertelstunde in der Umgebung zusammengetragen und zwischen vier Ästen arrangiert haben.
Eine Zwischenevaluation der Pädagogischen Hochschule Schwyz zeigt: Das neue Konzept mit naturnahem Lernen gefällt nicht nur den beteiligten Kindern und Lehrpersonen, sondern auch den Eltern. Fast 100 Prozent würden ihre Kinder wieder für den Tierpark-Kindergarten anmelden. Geschätzt werden vor allem die intensiven Naturerfahrungen und die breite Entwicklungsförderung. Und auch aus pädagogischer Sicht überzeugt das Pilotprojekt, wie Prof. Jürgen Kühnis, Dozent für Umweltbildung an der PH Schwyz, darlegt: «Dieses Lernen im Freien fördert das selbstständige Entdecken, das Lernen mit allen Sinnen und auch die Beziehung zur Natur.»
Das Wissen verankere sich im Gedächtnis besser, wenn Mathematik direkt am Baumstamm mit Schätzen und Messen geübt werden kann oder die Namen der Laubbäume gelernt werden, die über den Köpfen wachsen. Doch nicht nur der Geist, auch der Körper profitiert vom täglichen Aufenthalt im Freien: «Die Kinder können sich draussen vielfältig bewegen, indem sie klettern, hüpfen, springen und balancieren», führt Kühnis weiter aus. Und gewinnen dabei an Sicherheit, Selbstvertrauen und Verantwortungsbewusstsein.
Bäume statt Bücher
Der Tierpark-Kindergarten ist eine Kooperation der Schule Lauerz, des Natur- und Tierparks Goldau und der PH Schwyz. Die Kinder sind an vier Tagen im Park unterwegs und am fünften in der Schule Lauerz, wo unter anderem der Sport- und Schwimmunterricht stattfindet. Das Pilotprojekt dauert insgesamt drei Jahre, doch die Zeichen stehen gut, dass das Angebot weitergeführt wird. Die seit 2023 gewonnenen Erkenntnisse sollen in weitere pädagogische Vorhaben fliessen. Oder wie es Katrina Wenger, Direktorin des Natur- und Tierparks Goldau, stellvertretend für alle Beteiligten formuliert: «Wir hoffen, dass auch andere Bildungsinstitutionen vermehrt die Vorteile der Natur als Lernumgebung für die Entwicklung von Kindern erkennen.» Noch ist der Schulterschluss zwischen Kindergarten, pädagogischer Einrichtung und Tierpark in der vorliegenden Form schweizweit einmalig.
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