Gesundheit
Gartentherapie: Frischekick für Körper und Seele
Gärtnern bringt nicht nur Pflanzen, sondern auch Menschen zum Blühen: Das Graben, Säen und Rechen in grüner Kulisse vertreibt trübe Gedanken, fördert die Feinmotorik und stärkt das Immunsystem. Zwei Expertinnen berichten.
Martina Föhn hat zuhause einen grossen Garten, wo sie ihrem liebsten Hobby nachgehen kann: «Nach einem langen Arbeitstag drehe ich eine Runde im Garten. Das tut einfach gut.» Doch ihr grünes Imperium ist auch ein dynamisches Forschungslabor für ihre berufliche Praxis, gehört doch die Gartentherapie zu einem ihrer Forschungsschwerpunkte an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Dass Gartentherapie wirkt, wurde wissenschaftlich vielfach belegt.
Die Methode geht weit zurück: Bereits im alten Ägypten verordneten Hof-Ärzte Gartenspaziergänge für jene Mitglieder der Pharaonenfamilien, die an geistiger Umnachtung litten. Im Mittelalter nutzten Heilkundler den «Zauber und Reiz, welchen der Feldbau durch den natürlichen Instinkt einflösst» bei der Behandlung von Menschen mit seelischen Dysbalancen. Und in den 1940er- und 50er-Jahren wurde die Therapieform in der Rehabilitation von Kriegsveteranen eingesetzt. Heute ist die Gartentherapie in der Schweiz breit etabliert. Martina Föhn: «Wenn Alters- und Pflegeheime neu gebaut werden, ist die Planung eines Gartens meist Standard. Besonders für Menschen mit Demenz sind diese grünen Oasen sehr geeignet.» Doch auch in Rehakliniken, Strafvollzugs-, psychiatrischen und sozialpädagogischen Einrichtungen gehört Gärtnern immer öfter zum Programm.
Von der Aussaat bis zur Ernte
Martina Föhn hat viele Institutionen bei der Planung und Realisierung von Therapiegärten beraten, wie etwa die Rehaklinik Bad Zurzach. Hier kommen Schlaganfall- und Schmerzpatienten in Therapiegärten wieder zu Kräften. Was viele zu schätzen wissen: «Die Gartentherapie ist zwar eine Therapie, sie fühlt sich aber nicht so an», erklärt die ZHAW-Dozentin. Anders als etwa in der Physiotherapie, wo sich eine Übung an die andere reiht und der Spass meist aussen vor bleibt, sind bei der Gartenarbeit die Folgen der eigenen Bemühungen rasch sicht- und greifbar. «Die meisten Patienten sind sehr motiviert, weil das Gärtnern Sinn macht», weiss Föhn. Hinzu kommt: Während geschnippelt und gejätet wird, gehen nicht nur die Schmerzen vergessen, auch die Feinmotorik und koordinatorischen Fähigkeiten werden dank den vielfältigen Bewegungen wie von selbst trainiert. Ebenso positiv wirkt sich die Arbeit an der frischen Luft auf das Immunsystem und die Vitamin-D-Versorgung aus. Und da wären noch die stimmungsaufhellenden Effekte: «Wir wissen heute, dass grüne und besonders auch blühende Pflanzen das Wohlbefinden massgeblich verbessern und Gartentherapie gerade bei leichten Depressionen und Schmerzen äusserst wirkungsvoll ist», führt die passionierte Forscherin und Gärtnerin weiter aus. Bei psychischen Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen können Medikamente dank Gartentherapie manchmal sogar reduziert werden.
Doch was in die Erde setzen? Unabhängig vom Krankheitsbild sind laut Martina Föhn jene Pflanzen, die sich einfach säen, pflegen und ernten lassen, eine gute Wahl: «Bei schnellwachsenden Pflanzen sind Erfolge rasch sichtbar – das motiviert.» Dabei gilt es, Vorsicht walten zu lassen, wenn kleine Kinder oder Menschen mit Demenz im Spiel sind. «Weil sie dazu neigen, alles in den Mund zu stecken, dürfen keine giftigen Pflanzen im Beet sein», warnt Martina Föhn und rät stattdessen zu so genannten Biografiepflanzen. Pflanzen also, die für die betroffene Person in jungen Lebensabschnitten eine besondere Bedeutung hatten und Erinnerungen wecken. Auch «Sinnespflanzen», die durch ihre Eigenschaften wie Duft, Farbe, Form oder Textur spezifische Reize anregen, werden in der Gartentherapie gezielt eingesetzt. Das können spezielle Pflanzen wie Sonnen- oder Lampionblumen oder solche mit besonderen Düften wie der Lavendel oder die Melisse sein. Aber auch weiche Blätter, raue Rinden oder Moose, die sich mit den Fingern ertasten lassen.
Achtsamkeit pur
Elsbeth Andres hat am eigenen Leib erfahren, wie wichtig Natur und Garten für Genesungsprozesse sind, als sie vor 30 Jahren eine schwere psychische Erschütterung durchlebte: «Im Garten kann ich herunterfahren, in die Ruhe kommen und voll in den Moment eintauchen.» Heute pflanzt sie nicht nur über 150 Sorten Tomaten an, sondern vermittelt ihr Wissen auch an andere Betroffene im Rahmen von Kursen am Recovery College Bern.
Dabei bildet der Jahreszyklus im Garten den Ausgangspunkt: «Wir säen, pflanzen, pflegen, ernten und lassen dann den Garten ruhen», erläutert die Kursleiterin für biologischen Gartenbau, die auch eine Peer-Ausbildung absolviert hat. Dabei würden oft Zusammenhänge zum eigenen Lebenszyklus wie Geburt, Kindheit, Erwachsensein, Älterwerden und Lebens-ende fassbar. Bei ihren halbjährigen Kursen à je fünf Halbtagen geht es aber auch darum, herauszufinden, was bei der Arbeit im Grünen guttut und stärkt. Elsbeth Andres ist immer wieder berührt, wie sich das Gärtnern auf Menschen mit psychischen Herausforderungen auswirkt. In Erinnerung geblieben ist ihr ein trauriger, in sich gekehrter Mann, der nach einigen Stunden im Beet mit leuchtenden Augen nach Hause gegangen ist. Oder eine sehr perfektionistische Frau, die während des Kurses zur Einsicht gelangte, dass eine Portion Chaos dem Garten wohl bekommt.
Wissen vertiefenDerzeit gibt es folgende Weiterbildungen im Bereich Gartentherapie:
• Die ZHAW bietet ein CAS Therapiegärten an, das sich an Fachkräfte aus der «Grünen Branche» wie Landschaftsarchitektur-, Umweltingenieur- oder Gartenbauingenieurwesen richtet. Der zweite Lehrgang mit dem Titel CAS Gartentherapie steht Fachkräften aus Gesundheitsberufen offen wie Ergotherapie, Physiotherapie, Pflege, Psychologie oder sozialen Berufen.
• Das Bildungszentrum Inforama vermittelt in der Weiterbildung Gartentherapie theoretisches und praktisches Wissen, um klientengerechte Gärten zu gestalten und darin aktivierende Tätigkeiten durchzuführen.
• Anfragen für Kurse von Elsbeth Andres an ea.verkauf@besonet.ch.
• Kostenloser Onlinekurs der Universität Rostock (DE) zu den Grundlagen der Gartentherapie
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