In den 1930er-Jahren waren Haustiere in der Schweiz noch eine Seltenheit. Die Veterinärmedizin konzentrierte sich fast ausschliesslich auf Nutztiere und Militärpferde. Da viele der heute selbstverständlichen Hilfsmittel noch nicht entwickelt waren, verlangte den Tierärztinnen und Tierärzten die Arbeit in der Grosstiermedizin deutlich mehr körperliche Kraft ab als heute. Der Beruf galt zu jener Zeit als klassische Männerdomäne.

All das hinderte Elsa Mühlethaler nicht daran, ihren Traum zu verfolgen und ein Studium der Veterinärmedizin aufzunehmen. Zwar habe sie anfangs Bedenken gehabt, als einzige Tochter aus der Stadt, mit den meist tiergewohnten Burschen vom Land – Söhne von Bauern oder Tierärzten – im Tierspital zusammenzuarbeiten. Dies erzählte sie viele Jahrzehnte später in einem Interview mit der Historikerin Franziska Rogger für das Buch «Kinder, Krieg und Karriere». Doch ihre anfängliche Unsicherheit wich schnell. Man sei sehr freundlich zu ihr gewesen, erinnerte sie sich, und es habe den Anschein gehabt, «dass man im Tierspital der Ansicht war, es tue allen gut, einmal eine Frau neben all den Burschen zu haben.»

Sollte es dennoch vereinzelt Kritiker gegeben haben, verstummten diese spätestens mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Ab 1939 wurden viele Männer in den Militärdienst eingezogen, und auch in der Veterinärmedizin herrschte plötzlich akuter Fachkräftemangel. Nach nur einem klinischen Semester holte man Mühlethaler als Assistentin in ein Tierspital, wo sie zu Beginn vor allem verletzte Militärpferde verarztete. Mit der Zeit wurde sie immer mehr in der einzig verbliebenen Berner Kleintierklinik eingesetzt, die sie daraufhin fast im Alleingang leitete. Währenddessen führte sie ihr Studium fort und promovierte 1942 zur ersten Schweizer Tierärztin mit abgeschlossenem Staatsexamen und einem Doktortitel.

Die Pionierleistung zahlte sich aus

Nach einem Abstecher in die Forschung verwirklichte sich Elsa Mühlethaler 1950 den Traum einer eigenen Kleintierpraxis. Dass sie damit landesweit die erste Frau war, sah sie als Chance. «Viele Leute brachten mir ihre Tiere, gerade weil ich eine Frau war; sie hofften, dass ich ihren vierbeinigen Freund besonders liebevoll behandeln werde», wird Mühlethaler zitiert. Tatsächlich gehörten zu ihren Kunden auch Weltstars wie Grace Kelly. Dass Haustiere in der wachsenden städtischen Bevölkerung immer mehr an Bedeutung gewannen, kam ihrem Geschäft zugute, setzte sie jedoch auch unter Druck, bei den Behandlungen keine Mühen zu scheuen. «Ich arbeitete hart, auch an Wochenenden, es bestand ja noch kein Notfalldienst und ich hatte bald eine grosse Kundschaft.» Mit 55 Jahren war Mühlethaler bereits so ausgebrannt, dass sie beschloss, die Leitung der eigenen Praxis aufzugeben.

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Die hohe Arbeitslast sei ein häufiger Grund gewesen, weshalb sich viele Frauen in dieser Zeit gegen ein Tiermedizinstudium entschieden haben, weiss die Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Geschichte der Veterinärmedizin, Erika Wunderlin. «Für manche Frauen mit Tiermedizinstudium war dieser Lebensstil nicht tragbar und auch nicht wünschenswert.» Sie hält es für denkbar, dass einige Tierärztinnen dem Familienleben den Vorzug gaben, weil sie sich diese Entscheidung aktiv wünschten und nicht weil Vorurteile sie dazu verdonnerten. «Es ist auch vorgekommen, dass Tierärztinnen einen Tierarzt heirateten und sich dann für die Frauen die Kleintierpraxis besser mit dem Familienleben vereinbaren liess. Sie die Kleintierpraxis, er die Grosstierpraxis.»

Spätestens in den 80er-Jahren begann sich die Veterinärmedizin stark zu verändern. Die Heimtierhaltung stieg rapide an und erlangte neben der Landwirtschaft und dem Militär immer mehr Bedeutung. «Die Folge war eine deutliche Erhöhung der Anzahl Frauen im Veterinärmedizinstudium und der Abbau von Vorurteilen», so Erika Wunderlin. Besonders in den letzten zwei Jahrzehnten habe sich die Struktur der tierärztlichen Praxen nochmals stark verändert. «Heute dominieren Gemeinschaftspraxen mit klar definierten Arbeits- und Ferienzeiten. Dies kommt insbesondere den Bedürfnissen von Frauen entgegen, die nun flexiblere Arbeitsbedingungen vorfinden.»

Elsa Mühlethaler jedoch verschrieb sich lange komplett ihrem Beruf, heiratete nie und blieb kinderlos. Trotzdem haderte sie auch im Alter nie mit ihrer Pionierrolle: «Ich liebte meinen Beruf und würde ihn wieder wählen, wenn ich nochmals beginnen müsste.»