Herr van IJken, wie kamen Sie dazu, ausgerechnet Plankton zu fotografieren?

Zum ersten Mal sah ich Plankton in meinem Mikroskopier-Club in den Niederlanden, wo ich lebe und arbeite. Ich war sofort von diesen winzigen Kreaturen fasziniert, den endlosen Variationen von bizarren Formen, Farben und feinen Strukturen. Die Lebewesen sind oft durchsichtig, so dass man die inneren Organe sehen kann und auch deren Funktion besser versteht. So sind nicht nur Fotos entstanden, sondern auch der Kurzfilm «Planktonium», den man sich auf meiner Website ansehen kann.

Wo finden Sie Ihre Fotomotive?

Ich sammle Plankton mit einem einfachen feinen Netz, welches ich an einem Seil ins Wasser werfe und wieder einhole. Dabei nehme ich Proben aus verschiedenen Gewässern in den Niederlanden, von kleinen Teichen zwischen Dünen an der Küste über grössere Waldseen bis hin zur Nordsee. Überraschenderweise habe ich gerade in Teichen die interessantesten und ungewöhnlichsten Arten gefunden. Jedes Gewässer ist ein einzigartiges Biotop, dessen Lebewesen perfekt an die Umwelt angepasst sind. So nehmen Rädertierchen zum Beispiel oft die Farbe der Umgebung an.

Was sind die Herausforderungen, wenn man so kleine Tierchen fotografieren will?

Die meisten dieser kleinen Lebewesen sind sehr wärmeempfindlich. Das heisst, man muss sie kühl halten. Das Abdeckgläschen, welches man auf den Tropfen Wasser auf dem Objektträger legt, bevor es unters Mikroskop kommt, kann die Tierchen auch erdrücken. Daher baue ich ihnen mithilfe einer kleinen Menge Vaseline eine Art Miniaquarium, um dies zu verhindern. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass sich Zooplankton, also die tierischen Lebewesen in Plankton, sehr schnell bewegen können. Rädertierchen und Wasserflöhe abzubilden, erfordert daher viel Geduld.

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Was ist das Faszinierende an Plankton?

Für die meisten Menschen ist Plankton eine unbekannte Welt. Dabei ist es nicht nur eine sehr schöne und diverse Welt, sondern auch essenziell für alles Leben auf der Erde. Phytoplankton – pflanzenähnliche Mikroalgen – sind die Primärproduzenten in Gewässern. Arten von Zooplankton wiederum fressen Phytoplankton und sind daher die Primärkonsumenten in Gewässerökosystemen. Generell machen auch Larven vieler aquatischer Tierarten einen wesentlichen Teil des Zooplanktons aus. Sie bilden die Basis des Nahrungsnetzes in Gewässern. Ohne Plankton gäbe es beispielsweise keine Fische.

Plankton wird also generell unterschätzt?

Absolut! Plankton ist nicht nur eine wichtige Nahrungsquelle für viele Tiere, sondern spielt auch eine essenzielle Rolle für das Klima der Erde. Schätzungen zufolge ist Phytoplankton für die Hälfte der Sauerstoffproduktion der Erde verantwortlich! Wie Landpflanzen nutzt es dazu Photosynthese. Plankton ist also wichtig für uns alle, obwohl sich die wenigsten dessen bewusst sind. Umso dramatischer ist es, dass Plankton durch die Klimakrise gefährdet ist. Die steigenden Meerestemperaturen, Änderungen der Strömung und die Übersäuerung der Gewässer machen den kleinen Lebewesen zu schaffen. Die Artenzusammensetzung und die Verbreitung von Plankton verändern sich dadurch. Noch ist unklar, welche Konsequenzen das für andere Lebewesen hat. Doch es ist davon auszugehen, dass sich mit dem Plankton auch andere Teile der Ökosysteme der Erde drastisch ändern werden.

Was waren die spannendsten Entdeckungen, die Sie gemacht haben?

Mich hat es sehr überrascht, welche Vielfalt in einem Netz voller Plankton steckt. In der Probe aus der Nordsee entdeckte ich unter anderem wunderschöne Kieselalgen sowie Eier und Larven von verschiedenen Meerestieren. Die Kieselalge (Bacillaria pallifaxer) sieht zum Beispiel aus wie ein Lineal. Sie lebt in Kolonien und bildet zusammen mit ihren Nachbarn die bizarrsten, ausgefallensten Formen. In abgelegenen Süsswasserteichen fand ich zudem die verschiedensten Arten von Wasserflöhen, Rädertierchen und Ruderfusskrebsen. An ihnen hafteten oft einzellige Lebewesen wie Glockentierchen und Kieselalgen. Manche Wasserfloharten brauchen keinen Partner, um Nachwuchs zu bekommen, sondern vermehren sich über sogenannte Parthenogenese. Rädertierchen wiederum können Jahrzehnte der Trockenheit überstehen, indem sie in kleinen Kapseln überdauern.

Haben Sie ein persönliches Lieblingsbild?

Ich würde sagen, das ist die Kieselalge Licmophora flabellata, welche ich im Grevelingenmeer, dem Brackwasser der niederländischen Küste, aufgenommen habe. Ich finde es absolut faszinierend, welche feinen Strukturen die Natur hervorbringt. Das Gebilde sieht aus wie ein japanischer Fächer, nur winzig klein.

Zur PersonJan van IJken ist Filmemacher und Fotograf im niederländischen Leiden und arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Sein Interesse gilt der Mikroskopie, der Natur und verschiedenen Aspekten der Biologie. Seine Arbeiten wurden international veröffentlicht und ausgezeichnet.

janvanijken.com

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BuchtippJan van IJken: «Planktonium – Eine unsichtbare Welt»
192 Seiten, ca. 100 Abbildungen
Tecklenborg-Verlag