Das Heulen im Yellowstone
Wie Wölfe das Ökosystem von Yellowstone ins Gleichgewicht brachten
Die Rückkehr der Wölfe hat den Yellowstone verändert: Elche sind vorsichtiger, Flussufer grünen wieder, Biber kehren zurück. Die Geschichte eines Raubtiers, das ein ganzes Ökosystem ins Gleichgewicht bringt.
Der Wolkenhimmel hängt schwer über dem Lamar Valley. Feiner Regen liegt wie ein Vorhang über die weite Ebene, Nebelschwaden treiben über das Gras. Im Auto ist es ganz still, nur der Scheibenwischer klopft monoton. «Das ist perfektes Wolfswetter», sagt Rae Rediske, Natureguide bei der Yellowstone Safari Company, und fährt das Fenster herunter. «An solchen Tagen haben wir die besten Chancen, denn die grauen Jäger lieben es kühl und nass – dann sind sie am aktivsten.»
Als Yellowstone wolfsfrei war
Rae führt fast täglich Besucher durch den Park. Früher war sie Hundetrainerin, und manchmal, erzählt sie, hilft ihr dieses Wissen. «Ein Wolfsrudel funktioniert wie eine sehr disziplinierte Hundefamilie – nur grösser. Körpersprache, Blicke, eine kurze Ohrbewegung – alles hat Bedeutung. Wölfe sind Meister der nonverbalen Kommunikation.» Langsam rollen wir durch das Tal, vorbei an grasenden Bisons. Rae beginnt zu erzählen – von der Zeit, als Yellowstone wolfsfrei war.
«Ab 1926 gab es hier keinen einzigen Wolf mehr. Sie wurden systematisch verfolgt – mit Fallen, Gift, Abschussprämien, denn man glaubte damals, sie seien eine Gefahr für Wild und Vieh. Die Folge: eine Elchpopulation von über 16 000 Tieren, welche Flusstäler kahl frass. Weiden und Espen verschwanden, die Ufer erodierten, Bäche wurden wärmer und boten Fischen und Amphibien weniger Lebensraum. Ganze Vogelarten verloren ihre Brutplätze, weil es keinen Schatten und keine dichten Büsche mehr gab.»
Die Wildnis der Superlative1872 gegründet, ist Yellowstone der älteste Nationalpark der Welt. Mit 8983 km² ist er etwa ein Fünftel so gross wie die Schweiz. Über 10 000 heisse Quellen sprudeln hier, zwei Drittel aller Geysire der Erde liegen im Park – darunter der berühmte Old Faithful, der fast stündlich ausbricht. Zudem leben mehr als 60 Säugetierarten hier: Grizzlys, Pumas, Biber, die grössten freilebenden Bisonherden Nordamerikas und seit den 1990er-Jahren wieder rund 140 Wölfe. Man kann den Park gut auf eigene Faust erkunden, doch geführte Touren mit der Yellowstone Safari Company (yellowstonesafari.com) bieten den Vorteil, dass erfahrene Naturguides spannende Hintergründe zum Wildlife oder zur Historie des Parks erklären und die besten Beobachtungsorte kennen.
Rettungsplan statt Romantik
Auch die Kojoten vermehrten sich stark ohne Konkurrenz durch Wölfe. «Sie jagten Wühlmäuse und andere Kleinsäuger so stark, dass Füchse, Dachse und Greifvögel weniger Beute fanden», erklärt die Rangerin. Das gesamte Gleichgewicht war aus dem Lot. Erst 1995 wagte man die Wiederansiedlung von Wölfen. 31 Tiere aus Kanada wurden im Yellowstone freigelassen. «Das war kein romantischer Versuch, sondern ein ökologischer Rettungsplan», sagt Rae. «Und er hat funktioniert, wenn auch mit Kontroversen.»
Heute leben wieder rund 140 Wölfe im Park, verteilt auf etwa zehn Rudel. Jedes Rudel beansprucht 200 bis 400 Quadratkilometer und legt täglich bis zu 30 Kilometer zurück. «Acht bis zehn Tiere sind normal, manchmal sind es zwanzig. Das dominante Paar sorgt für Nachwuchs, und das ganze Rudel hilft mit. Wölfe sind echte Teamplayer.» Plötzlich hebt Rae die Hand. «Stopp – seht ihr das?» Ganz am Rand der Ebene bewegt sich ein dunkler Schatten.
Ein Gen von Haushunden
Durch das Spektiv sehen wir ihn: einen schwarzen Wolf, regennass, kraftvoll, wie ein lebendiger Schatten. «Das ist ein seltener Anblick», flüstert Rae. «Etwa die Hälfte unserer Wölfe ist schwarz. Diese Fellfarbe stammt von einem Gen, das ursprünglich von Haushunden kommt – dem β-Defensin-Gen. Es stärkt das Immunsystem und macht sie widerstandsfähiger gegen Krankheiten wie Staupe. Aber schwarze Alpha-Wölfe sterben häufiger in Revierkämpfen, vermutlich, weil sie häufiger die Führungsrolle übernehmen und damit in mehr Konflikte geraten.»
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Der Wolf bleibt kurz stehen, hebt den Kopf und verschwindet dann lautlos im Nebel. Seit der Wiederansiedlung wurden über 1500 Welpen geboren. Die meisten Wölfe werden drei bis fünf Jahre alt, einige über zehn. Während wir weiterfahren, schildert Rae, wie sehr die Rückkehr der Wölfe das Tal verändert hat. Die Elche sind weniger geworden und deutlich vorsichtiger; sie verweilen nicht mehr so lange an den Flussufern, sodass dort junge Weiden und Espen wieder nachwachsen können.
Die trophische Kaskade
Mit dem neuen Bewuchs kehrten auch die Biber zurück, bauten Dämme und schufen Feuchtgebiete, die heute Fischen, Amphibien, Vögeln und zahllosen Insekten einen Lebensraum bieten. Gleichzeitig ging die Zahl der Kojoten zurück, weil sie mit den Wölfen um Beute konkurrieren. Dies führte zu mehr Kleinsäugern – ein Gewinn für Füchse, Dachse, Wiesel und Greifvögel. Sogar Aasfresser profitieren: Von Wölfen gerissene Tiere ernähren Adler, Raben, Elstern, Bären und selbst andere Kojoten.
«Das ist eine trophische Kaskade», erklärt Rae. «Ein einziger Räuber verändert das Verhalten der Beute, lässt Pflanzen wachsen, bringt Biber zurück – und damit unzählige andere Arten. Der Park hat sich selbst geheilt, wir mussten nur den Auslöser zurückbringen.» Die Ranger lieben diese Geschichte, aber sie ist komplex. Wissenschaftler untersuchen immer noch, wie gross der Anteil der Wölfe an den Vegetationsveränderungen tatsächlich ist. Auch Dürre, Klimawandel und die Jagd auf Elche durch den Menschen spielen eine Rolle. Wölfe sind ein wichtiger Baustein, aber nicht der einzige.
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Die Fakten zu Viehverlusten
Schliesslich spricht Rae das Thema an, welches ausserhalb des Parks am meisten diskutiert wird: Viehverluste. «Viele Viehhalter sehen im Wolf ein Problem. Aber schaut euch die Fakten an: In den USA gehen mehr als 70 Prozent der Schafverluste auf Krankheiten, Alter, Wetter oder Geburtsprobleme zurück. Von den Raubtieren sind es vor allem Kojoten, die rund 15 Prozent verursachen. Hunde reissen sechs Prozent, Pumas knapp zwei, Bären etwas über ein Prozent – und Wölfe? Gerade einmal 0,4 Prozent. Das sind weniger als 1000 Schafe im ganzen Land.»
Sie zuckt mit den Schultern. «Trotzdem sind Wölfe oft der Blitzableiter. Ein Rancher aus der Gegend hat es einmal so gesagt: ‹Wölfe sind faszinierende Tiere – ich will nur nicht, dass sie meinen Lohnzettel auffressen.› Das bringt den Konflikt auf den Punkt. Wenn du von Vieh lebst, zählt jedes Tier.» Rae sieht uns an. «Deshalb brauchen wir Herdenschutz, Entschädigungen und vor allem den Dialog. Wenn wir wollen, dass Wölfe bleiben, müssen wir auch die Menschen mitnehmen, die hier leben.»
Teil der Lösung, nicht das Problem
Der Regen hat inzwischen aufgehört. Die Sonne bricht durch die Wolken und taucht das Tal in goldenes Licht. Weitere Wölfe zeigen sich nicht, nur frische Spuren im Matsch verraten ihre Anwesenheit. Rae wirkt zufrieden: Schon ein einzelner Wolf, noch dazu ein schwarzer, macht diesen Tag besonders. Bevor wir zurückfahren, nimmt sie ein letztes Mal das Fernglas hoch und lässt den Blick über die weite Ebene schweifen.
Für sie ist der Yellowstone ein riesiges Freilandlabor, in dem man sehen kann, wie eng alles in der Natur zusammenhängt. Die Rückkehr der Wölfe hat nicht nur Elche beeinflusst, sondern eine ganze Landschaft verändert – und zeigt, dass der Wolf nicht das Problem ist, sondern Teil der Lösung.
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