In regelmässigen Abständen kommt es in der Schweiz im Winter zu einer kleinen Invasion: Mit dem seidigen Gefieder, welches ihm den Namen verleiht, der auffälligen Zeichnung und der schmucken Haube ist der Seidenschwanz (Bombycilla garrulus) in unseren Breitengraden einzigartig. Sein Brutgebiet befindet sich imhohen Norden. Hier ernährt sich der bunte Vogel während der Jungenaufzucht hauptsächlich von Insekten. Sind die Küken flügge und die kühle Jahreszeit steht vor der Tür, so wechselt der Speiseplan auf Beeren.

Vogelbeere als Hauptnahrung

Dann ist die Vogelbeere, auch Eberesche genannt, der Hauptnahrungsbaum des Seidenschwanzes. Dieser trägt auch den Winter hindurch Früchte. Doch in manchen Jahren fällt die Beerensaison schwächer aus, sodass nach einer besonders erfolgreichen Brutsaison ein Teil der Seidenschwänze dazu gezwungen ist, in südlicheren Gebieten auf Nahrungssuche zu gehen.

Zwischen Dezember und März kann man dann mit etwas Glück auch in unseren Gärten Seidenschwänze beobachten. Nebst Eberesche mögen die Tiere auch Wacholder-, Mistel-, Schneeball-, Liguster- und Weissdornbeeren sowie Hagebutten. In Obstgärten freuen sie sich zudem über an Bäumen hängen gebliebenen Äpfeln und Birnen.

Mit einer Grösse von 18 bis 20 Zentimetern ist der Seidenschwanz etwas grösser als ein Spatz, jedoch kleiner als eine Amsel. Pro Tag vertilgt ein Seidenschwanz etwa das Doppelte seines Körpergewichts. Den Alkoholgehalt überreifer Früchte kann er dank seiner grossen Leber problemlos abbauen, ohne betrunken zu werden.

Pest- oder Kriegsvogel

Lange war das plötzliche Erscheinen von Seidenschwanzschwärmen in Mitteleuropa ein Rätsel. Von der Bevölkerung wurde dieses Ereignis daher insbesondere im Mittelalter für ein böses Vorzeichen gehalten. Zur Zeit der grossen Pest um 1350 wurde der Seidenschwanz hierzulande daher auch «Pestvogel» genannt, seit dem Dreissig-jährigen Krieg trägt er auch den Beinamen «Kriegsvogel». Der massenhafte Einflug des Seidenschwanzes ist jedoch nur für die Vögel selbst ein tödliches Risiko: Es wird vermutet, dass die meisten der Seidenschwänze, die bei uns überwintern, nie in den Norden zurückkehren.