Engadin
Mineralwasser: Frischekick für Körper und Geist
Ob bei einer Mineralwasser-Degustation, einem Brunnen-Spaziergang durch Scuol (GR) oder einer Wanderung zu den zig Mineralquellen: Wer im Unterengadin den Durst stillt, schärft die Geschmacksknospen und tut der Gesundheit Gutes.
Sechs Weingläser, sechs Flüssigkeiten, die auf den ersten Blick alle durchsichtig sind, bei genauerem Hinsehen aber deutliche Nuancen bezüglich Farbe und Trübung aufweisen. Jedes dieser sechs Mineralwasser stammt von einer anderen natürlichen Mineralquelle in und rund um Scuol. Sabina Streiter, zertifizierte Schweizer Wasser-Sommelière, hält Glas Nummer 1 gegen das Licht und ermuntert die acht Personen am Degustations-Tisch, es ihr gleichzutun. «Hochmineralisiertes Wasser kann am Glas einen öligen Film hinterlassen – wie bei einem schweren Wein», erklärt sie und schwenkt nun das Glas. Dann gibt sie grünes Licht, den ersten Schluck zu kosten und dabei besonders auf Mundgefühl, Haptik und Textur zu achten.
Spätestens bei Glas Nummer 6 wird allen am Tisch klar: Die Unterschiede zwischen den sechs Proben sind erstaunlich gross. Es gibt die weichen, kühlenden, moussierenden, aber auch die spritzigen, lebendigen, perlenden. Beim zweiten Schluck treten dann weitere Differenzen zutage: süss, sauer, herb, würzig, blumig, mineralisch, dezent, markant. Während sich einige Teilnehmende der Degustationsrunde in linguistischen Kapriolen verlieren, suchen andere vergeblich nach treffenden Termini für diese geschmacklichen Ausprägungen. Und auch bei den Meinungen über die Favoriten des Tastings zeichnet sich kein Konsens ab: Die einen mögen es neutral, andere erklären ein Wasser mit unverkennbarer, charakteristischer Note zu ihrer Nummer eins.
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Gesundes Sauerwasser
Unumstritten ist hingegen, dass das Degustieren ein sensorisches Erlebnis ist. Doch auch die gesundheitlichen Aspekte, die von den wertvollen Inhaltsstoffen wie Calcium, Magnesium, Natrium, Kalium und Hydrogencarbonat ausgehen, kommen während der Verkostung zur Sprache. «Für unseren Stoffwechsel sind Mineralien lebensnotwendig», bringt es Sabina Streiter auf den Punkt. Mineralwässer haben eine ausgesprochen hohe Bioverfügbarkeit: Weil die Mineralien im Wasser bereits gelöst und ungebunden vorliegen, gelangen sie besonders schnell in den Blutkreislauf. Bereits die Römer wussten um die heilende Wirkung dieses speziellen Wassers und praktizierten «Sanus per aquam» (gesund durch Wasser). Viele Jahrhunderte später überzeugte die Wirkung der Mineralwässer auch den Schwyzer Arzt und Naturforscher Paracelsus. Er besuchte das Engadin um 1535 und lobte in seinen Schriften den gesundheitlichen Nutzen der natürlichen Mineralquellen: Das eisenreiche Wasser helfe gegen Gicht, Rheuma und Hautleiden.
Die Mineralquellen machten die Orte Scuol, Tarasp und Vulpera ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu weltbekannten Kurorten. Vor allem wohlhabende Gäste –darunter auch bekannte Schriftsteller, Dichter und Adlige – fanden sich im Unterengadin zu Trink- und Badekuren ein. «Wir verdanken die vielen Mineralquellen einem besonderen geologischen Phänomen, dem sogenannten Unterengadiner Fenster», erläutert Sabina Streiter. Dabei handelt es sich um eine Aufwölbung der Alpen, bei welcher durch Erosion die älteren Gesteine freigelegt wurden, die unter jüngeren Schichten lagen. Auch die Zeit ist ein wichtiger Faktor: Bei den Mineralquellen rund um Scuol sickert Regen- oder Schmelzwasser während vieler Jahre durch diese tiefen Erd- und Gesteinsschichten, wird gefiltert, gereinigt und mit Mineralstoffen wie Calcium, Magnesium und Spurenelementen angereichert. Die Quellen Vi, Sotsass, Lischana und Carola haben im Untergrund eine Verweildauer von rund fünf Jahren; bis zu 25 Jahre reift das Wasser in den Quellen Lucius, Emerita, Sfondraz und Bonifacius. «Die Zusammensetzung eines Mineralwassers hängt von den Gesteinsarten, dem Druck, der Temperatur und der jeweiligen Fliessgeschwindigkeit ab», führt die Wasser-Sommelière weiter aus. «Aua Forta» (starkes Wasser) nennen die Einheimischen das gesunde Nass auf Romanisch, das viele hier täglich konsumieren, um beispielsweise die Magenschleimhaut anzuregen und die Verdauung zu unterstützen.
Die gesundheitlichen Wirkungen der verschiedenen Ingredienzen sind mannigfach: Calzium und Magnesium wirken sich positiv auf Knochen, Zähne, Muskeln und Nervensystem aus, Eisen spielt eine wichtige Rolle für den Sauerstofftransport und das Immunsystem. Hydrogenkarbonat, dessen Gehalt im Engadiner Mineralwasser besonders hoch ist, reguliert den Säure-Basen-Haushalt, Sulfat wiederum fördert die Gallenproduktion. Was Gäste im Unterengadin besonders zu schätzen wissen: Das Wasser an den vielen Brunnen in und um Scuol lässt sich kostenlos und rund um die Uhr probieren.
Auf Touren
Wer sich ein Bild von der Wasservielfalt vor Ort machen will, kann auf drei gut ausgeschilderten Rundwegen Mineralquellen und -brunnen auf eigene Faust entdecken. Deutsch und romanisch beschriftete Tafeln informieren jeweils über die Namen der Quellen, Quelltyp, Inhaltsstoffe und besondere Eigenschaften. Der rund zweistündige Mineralwasserweg «curas da baiver» führt an ehemaligen Trinkhallen und Hotels aus der Belle Epoque vorbei. Auf der dreieinhalbstündigen Rundtour «tras il god» trifft man auf die Funtana Cotschna. Die Lischana-Quelle ist ebenfalls Teil dieser Strecke, die wegen ihres hohen Magnesiumgehalts vor allem Sportlerinnen und Sportler zu schätzen wissen. Wer es kürzer und gemütlicher mag: Der Weg «bügl e funtana» (1h45) führt an Brunnen und Mineralquellen vorbei und zweigt später in die Clozza-Schlucht ab. Für Menschen mit kleinem Zeitbudget: Auf der Scuoler Brunnentour kann innert einer Stunde an fünf Dorfbrunnen natürliches Mineralwasser direkt ab Hahn degustiert werden. Wer das Trinkvergnügen mit historischem und gesundheitlichem Wissen kombinieren will, ist auf einer geführten Exkursion gut bedient.
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