Veterinärmedizin im Zoo
Fisch und Vogel beim Röntgen im Zoo Basel
Auf dem Röntgentisch im Zoo Basel landen die verschiedensten Tierarten. Dank dem Röntgenbild ergibt sich ein rasches Resultat. Der Zootierarzt Dr. Christian Wenker gewährt Einblick in die vielfältige Arbeit des Tierärzteteams.
Erstaunlich, das Gerippe eines Seepferdchens! Wie ein Kunstwerk zeigen sich die Knochen, die der Bezeichnung Knochenfische alle Ehre machen. Wundersam wirkt das filigrane Schlangenskelett. Im Röntgenraum der Tierklinik im Basler Zoo wird rasch klar, wie komplex die Arbeit eines Zootierarztes ist. Er muss die Röntgenbilder zahlreicher verschiedener Arten interpretieren. Doch die Schwierigkeit beginnt schon vorher. Wie bekommt man Tiere, vom Seepferdchen bis zum Geparden, auf den Röntgentisch?
Dr. Christian Wenker ist froh über die Möglichkeit, Tiere röntgen zu können. Der leitende Veterinär im Basler Zoo erklärt: «Dank dem bildgebenden Verfahren haben wir in der Zootiermedizin ein rasches Resultat.» Bei Blut- und Kotuntersuchungen müsse bis am nächsten Tag gewartet werden. Schnelles Handeln ist in der Zootiermedizin wichtig. Zeigen Tiere Krankheitssymptome, liegt ein gravierendes Problem vor. Sie verbergen Unwohlsein, denn in der Natur werden schwächelnde Tiere durch Feinde eliminiert.
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Doch nicht immer ist es sinnvoll, sofort einzugreifen. Christian Wenker, seit 22 Jahren Zootierarzt in Basel, kennt seine Pfleglinge und weiss, wie er ihr Verhalten einschätzen muss. Er sagt: «Hinkt ein Zebra, warten wir ab, denn meist ist die Gehschwäche nach einer Woche wieder in Ordnung.» Ganz anders aber ist die Situation bei einem Vogel, der Krankheitszeichen zeigt. Sitzt er aufgeplustert da, steckt gar den Kopf in die Federn, ist rasches Handeln gefragt.
Das Ziel des dreiköpfigen Tierärzteteams im Zoo Basel ist, dass es gar nicht so weit kommt. «Wir betreiben präventive Medizin», erklärt Christian Wenker und fügt an: «Zwei Drittel unserer Arbeit ist Vorbeugen statt Heilen, zum Beispiel mittels Impfen oder Parasitenkontrolle.» Ein Tier werde erst geröntgt, wenn es eindeutig krank sei. Bei den rund 11 393 Tieren in 602 Arten im Zoo Basel würde es zu einer bis zwei Narkosen pro Woche kommen.
Ein Kolibri beim Röntgen
Die Tierpflegerin oder der Tierpfleger ist am nächsten beim Tier. Die tägliche Beobachtung und Kontrolle sind entscheidend. Details werden im abendlichen Tagesrapport festgehalten. Christian Wenker liest diese Einträge täglich. Fällt der Tierpflegerin etwas Besonderes auf, meldet sie es dem Tierarzt sofort. «Ich gehe dann gleich ins Revier», sagt Christian Wenker.
So ging es auch beim Hilferuf aus dem Vogelhaus. Eine Rostbauchamazilie sass plötzlich apathisch da. Ein Warnzeichen für die schillernde Südamerikanerin. Der Kolibri fliegt normalerweise alle paar Minuten eine Futterquelle an, um seinen Stoffwechsel am Laufen zu halten. Jede Sekunde war nun kostbar.
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Christian Wenker zeigt ein kleines, mit einer Art Vorhangstoff umgebenes Kästchen und sagt: «Darin wurde unsere Rostbauchamazilie geröntgt.» So kleine Vögel können kaum sediert werden. «Er hat sich beim Röntgen aber ruhig verhalten.» Dabei zeigte sich: Das Weibchen litt an Legenot. Das heisst, dass ein Ei im Eileiter stecken blieb, eine lebensgefährliche Situation für einen Vogel. Dank dem Röntgenbild kann Legenot zweifelsfrei festgestellt werden. Das fest sitzende Ei wurde durch in die Kloake geträufeltes Paraffinöl gelöst und anschliessend vorsichtig durch die Kloake herausmassiert. «Bringt man es nicht mehr heraus, muss es mit einer Nadel angestochen und ausgesaugt werden. Die in sich zusammenfallende Eischale wird dann vorsichtig aus der sich entspannenden Kloake gezogen», erklärt der Tierarzt.
Im Gegensatz zum Kolibri ist der Bartgeier ein Riese. Christian Wenker zeigt ein Röntgenbild dieses Geiers. Der Vogel, den er behandelte, stammte aus der Natur. Die Art wird erfolgreich, dank der Haltung und Zucht in Zoos, in der Natur wieder angesiedelt. Der Tierarzt erklärt: «Das Röntgenbild ergab, dass der Geier Bleischrot im Muskelmagen hatte. Er hat ihn über einen Kadaver aufgenommen, von dem er frass.» Der saure Magen-pH-Wert löse das Blei auf. «Das führt zu neurologischen Symptomen wie hängenden Flügeln.» Christian Wenker entfernte die Bleikugeln durch die Gabe von Abführmitteln und Injektionen von Chelatbildnern, die das toxische Blei im Blut binden. Der Geier genas und wurde wieder ausgewildert.
Röntgen löst nicht nur Probleme bei Bewohnern der Lüfte, sondern auch bei Meereslebewesen. Zum Beispiel beim Igelfisch. Er schwamm plötzlich konstant asymmetrisch. Christian Wenker entschied, ihn zu röntgen. Es sei sehr selten, dass Fische geröntgt würden, räumt er ein. «Der Tierpfleger brachte den Fisch in einem kleinen Wasserbehälter.» Ausserhalb seines Elements, des Wassers, verbrachte der Tropenfisch nur wenige Sekunden.
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Vom Leguan zum Elefantenfuss
Anders als Säugetiere und die meisten Vögel, werden Fische während des Röntgens nicht narkotisiert. «Je nach Art halten sie erstaunlich gut still», sagt der Tierarzt. Das Röntgenbild ergab, dass sich im Magen des Fisches viele Steinchen angesammelt hatten. Offenbar führte ihr Gewicht zur konstanten Schräglage, denn nach der Entfernung mit Hilfe einer Magenspiegelung und einer Fasszange schwamm er wieder gerade durch sein Becken, so wie es sich für einen Igelfisch gehört.
Einfacher auf dem Röntgentisch fixiert werden als ein Fisch kann eine Schildkröte. «Wir setzen sie auf eine Platte», sagt Christian Wenker. Bevor sie den Kopf aus dem Panzer schiebt, ist das Röntgenbild schon gemacht. Wie bei Vögeln kommt bei Reptilien Legenot vor, die mittels eines Röntgenbildes festgestellt werden kann. Damit Echsen wie Leguane nicht von der Röntgenplatte krabbeln, gibt es einen Trick. «Wir drücken kurz sanft und gleichzeitig auf die Augäpfel, dies führt über einen Vagusreflex zu einem betäubungsähnlichen Zustand», sagt der Zootierarzt.
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Der Gepard hingegen wurde mittels Betäubungsgewehr in seinem Gehege narkotisiert. Die gebrochene Mittelhand wurde geröntgt und verarztet. Es dauerte länger, bis er wieder wohlauf war. «Damit der Bruch gut zusammenwuchs, entfernten wir in seinem Krankenbereich jede Erhöhung, so dass er nicht mehr hinunterspringen konnte», erzählt der Tierarzt. Auch bei einem Riesenkänguru musste ein Bruch behandelt werden. Dank dem Röntgen zeigte sich, dass es einen Oberarmbruch hatte, so dass die Knochen fixiertwerden konnten.
Zu weiteren exotischen Patienten, die geröntgt wurden, gehört ein Weisskopfsaki. Beim südamerikanischen Affen wurde auf dem Röntgenbild eine falsche Lage des Jungtieres festgestellt. Mutter und Junges konnten per Kaiserschnitt gerettet werden. Auch bei einem Kirk-Dikdik, einer kleinen, afrikanischen Antilope, konnte dank dem Röntgen eine falsche Lage des Jungen diagnostiziert werden. Den Rüsselspringer, welcher etwas grösser als eine Maus ist, von seinem Terrarium in die Zootierklinik mit dem mit digitaler Röntgentechnik eingerichteten Raum am Rand des Zoogeländes zu bringen und zu röntgen, war kein Problem. Was aber, wenn bei einem Elefanten etwas nicht stimmt? «Wir haben auch ein mobiles Röntgengerät», sagt Christian Wenker. Bei Grosstieren werde partiell geröntgt, so zum Beispiel die Stosszähne oder Füsse von Elefanten. Immer wieder werden bei speziellen Fällen im Zoo auch Human- oder Zahnmediziner zu Rate gezogen oder sie wirken gar bei Operationen mit. Ein Röntgenbild bildet oft die Grundlage für Diagnose und Therapie.
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Die Entdeckung des RöntgensAm 8. November 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen im deutschen Würzburg die unsichtbaren Strahlen, die nach ihm benannt wurden. Der Körper wird mit Röntgenstrahlen durchstrahlt, daraus entstehen Röntgenbilder. Anomalien im Körper können so einfacher festgestellt werden. Wilhelm Conrad Röntgen erhielt 1901 den Nobelpreis für Physik.
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