Grosstierrettung
Per Flaschenzug aus dem Gülleloch
Wenn Nutztiere in Not geraten, ist guter Rat teuer. Rettung verspricht hier die Feuerwehr. Dank gut ausgebildeter Spezialisten und eigens dafür konzipierter Ausrüstung wird den Tieren schnell und professionell geholfen.
Kurz nach sieben Uhr morgens geht ein aussergewöhnlicher Alarm bei der Feuerwehr Thun (BE) ein: In Amsoldingen ist eine hochträchtige Kuh in einen Güllekasten gefallen. Ein falscher Schritt im Halbdunkeln hat gereicht und das Unglück nahm seinen Lauf. Durch das gerade mal 60 x 80 Zentimeter kleine Loch fiel die Kuh rund zwei Meter tief in die halb gefüllte Güllegrube, wo sie der besorgte Landwirt am frühen Morgen fand und sofort die Feuerwehr alarmierte. «Früher haben die Landwirte bei so einem Unglück noch selber versucht, die Tiere aus ihrer misslichen Situation zu befreien», berichtet Markus Wegmüller, von der Berufsfeuerwehr Bern. Den Tieren wurden dafür Seile um die Beine oder gar die Hörner gebunden und die Kuh mit dem Traktor irgendwie aus dem Gülleloch gezogen. Dass dies alles andere als tierschutzkonform vonstattenging, wurde mangels Alternativen in Kauf genommen, ging es doch um die Rettung eines Tieres. Heute übernehmen solche Grosstierrettungen speziell ausgebildete Feuerwehrmänner und -frauen. Der Kanton Bern unterhält dafür sechs Sonderstützpunkte, die neben den anderen Aufgaben als Feuerwehr auch für die Rettung von grossen Nutztieren ausgerüstet sind.
So landet auch der Notruf des Besitzers der trächtigen Kuh über die Nummer 118 bei der Feuerwehr. Sofort rücken Mitglieder der Ortsfeuerwehr aus und machen sich ein Bild von der Situation. Gleichzeitig sorgen die ausgebildeten Feuerwehrmänner des Sonderstützpunkts Thun dafür, dass alle benötigte Ausrüstung an Bord ist, und machen sich ebenfalls auf den Weg nach Amsoldingen. Vor Ort werden sie von ihren Kollegen eingewiesen und sehen gleich: Die Rettung wird äusserst kompliziert. Die Gase in der Güllegrube sind für Mensch und Tier giftig, und so ist Atemschutz das oberste Gebot. Trotz warmer Temperaturen zieht einer der Thuner Feuerwehrmänner einen Schutzanzug an, der ihn nicht nur vor der Gülle, sondern dank Atemmaske auch vor den giftigen Gasen schützt. In dem extra für solche Rettungen konzipierten Schutzanzug sind zudem Handschuhe und Stiefel gleich integriert.
Mit Ruhe und Sachkenntnissen
Dann geht es durch das enge Loch in die Grube zur unglückseligen Kuh. Diese steht mit weit aufgerissenen Augen bis zur Brust in Gülle, der Schreck des Sturzes steckt ihr noch sichtbar in den Knochen. Mittlerweile ist auch ein Tierarzt auf dem Hof eingetroffen. Auf den ersten Blick hatte die Kuh Glück im Unglück und scheint nichts gebrochen zu haben. Doch wegen der ätzenden Gülle und der von der braunen Brühe ausgehenden Gase muss es trotzdem schnell gehen. Zum Schutz des Tieres wird die Grube durch einen Akkulüfter mit Frischluft versorgt. Das Tier muss nun zügig, aber sorgsam aus dem Loch geborgen werden.
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Wie so eine Rettungsaktion vonstattengeht, lernen die Feuerwehrleute bei einem jährlichen Kurs auf dem Stützpunkt der Berner Berufsfeuerwehr. Markus Wegmüller ist dort der Leiter der Aus- und Weiterbildung, so auch der Grosstierrettung, und bringt mit seinem Team den interessierten Feuerwehrmännern und -frauen die Grundlagen solcher Einsätze bei. Der 47-Jährige betreibt bei sich zu Hause eine Pferdepension und sommert zahlreiche Rinder. Entsprechend weiss er, worauf es bei den grossen Tieren ankommt, erst recht, wenn diese in Not geraten. «Wichtig ist, dass man während der Rettungsaktionen ruhig bleibt, denn diese Ruhe überträgt sich in der Regel auf die betroffenen Tiere», erzählt der Spezialist.
In der Güllegrube spricht der Feuerwehrmann im Schutzanzug daher beruhigend auf die trächtige Kuh ein. Behutsam führt er das Tier im schummrigen Licht zurück unter das Loch, durch das es gefallen war. Durch die Öffnung wird ein Hebegeschirr heruntergelassen, mithilfe dessen die Kuh aus der Grube gehievt werden soll. «Bei so einer kleinen Öffnung muss das Tier aufrecht geborgen werden», erklärt Fachmann Markus Wegmüller. Diese Methode üben die Feuerwehrleute während des Kurses zur Grosstierrettung an Dummies, also Kühen und Pferden aus Kunststoff. Die Nachbildungen besitzen bewegbare Gelenke und annähernd dasselbe Gewicht wie ein echtes Tier. Erst nachdem die Kursteilnehmer wissen, an welchen Stellen gefahrlos Gurte und Seile angebracht werden können, wird am realen Tier geübt. Dieser Teil findet immer unter den wachsamen Augen eines Tierarztes oder eines Mitglieds des kantonalen Tierschutzes statt und benötigt eine Tierversuchsbewilligung. So können die Teilnehmer auf Tuchfühlung mit echten Pferden und Kühen gehen, bevor der Ernstfall eintritt, bei dem sie ihr Fachwissen einsetzen können.
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Mehr Tier- als Menschenrettungen
Dass solche Kurse nötig sind, zeigt die Statistik der Gebäudeversicherung Bern. «Die Anzahl Tierrettungen wird definitiv unterschätzt. 2017 haben wir 52 Tiere gerettet, im Vergleich zu rund 30 Personenrettungen», berichtet Markus Wegmüller. Alleine die Berner Berufsfeuerwehr kommt so auf 15 bis 20 Grosstierrettungseinsätze im Jahr. Stallbrände gehören dabei eher zur Ausnahme. «Kühe und Pferde, die in Güllelöcher gefallen sind oder irgendwo feststecken, sind tatsächlich die klassischen Einsatzereignisse», so Wegmüller. Bei Pferden kommt es auch immer wieder zu Sport- und Freizeitunfällen, bei denen ein Tier einen Abhang hinunterrutscht oder im sumpfigen Gelände stecken bleibt. Auch bei verunglückten Tiertransporten kommen die Spezialisten der Grosstierrettung zum Einsatz. Dank der Sonderstützpunkte, die über den ganzen Kanton Bern verteilt sind, können bei entsprechenden Ereignissen innerhalb von 15 Minuten ab Alarmierung über die Nummer 118 mindestens sechs Spezialisten vor Ort sein und den Tieren fach- und tierschutzgerecht helfen.
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Die trächtige Kuh im Gülleloch hat mittlerweile eine Art «Hösli» angezogen bekommen und wird nun vorsichtig mithilfe eines Flaschenzugs in eine aufrechte Position gekippt. Kopf voran hievt der Kranwagen der Thuner Feuerwehr das 800 Kilogramm schwere Rind aus dem Gülleloch. Wieder an der frischen Luft wird das sichtlich erschöpfte Tier sofort vom anwesenden Tierarzt untersucht. Dieser gibt Entwarnung: Der Kuh geht es gut. Zwei Wochen später bringt sie ein gesundes Kälbchen zur Welt, nicht zuletzt auch dank den engagierten Feuerwehrleuten des Sonderstützpunkts für Grosstierrettung.
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