Rückstände
Was verrät unser Abwasser über die Gesundheit der Schweiz?
Wie steht es um die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung? Ein Hinweis dafür gibt unter anderem das Abwasser, welches von den Toiletten direkt in die Kläranlagen fliesst. Dieses untersuchen Wissenschaftler der Eawag auf Rückstände diverser Drogen, Medikamente und Viren.
In welcher Stadt wird in der Schweiz am meisten gekifft? Werden immer mehr Amphetamine konsumiert? Und wo grassiert gerade noch das SARS-CoV-2-Virus? Die Antwort darauf finden Wissenschaftler des Wasserforschungsinstituts Eawag dort, wo man es vielleicht nicht vermuten mag: im Abwasser. Ein interdisziplinäres Team aus den Abteilungen Siedlungswasserwirtschaft, Umweltchemie und Umweltmikrobiologie entnimmt schweizweit regelmässig Rohabwasserproben im Zulauf von Kläranlagen und untersucht sie auf Viren, Bakterien, Suchtmittel, Pharmaka und Stoffwechselprodukte.
Eines der Abwasser-Projekte, das die Eawag für das Bundesamt für Gesundheit durchführt, nennt sich eingängig «DroMedArio» (Akronym für Drogen, Medikamente, Alkohol- und Tabakrückstände). Ziel ist es, die zeitliche und räumliche Entwicklung des Konsums verschiedener Substanzen nachvollziehen zu können. Dazu werden seit einigen Jahren zehn Kläranlagen in der Nähe der grössten Schweizer Städte untersucht, was dem Abwasser von fast zwei Millionen Menschen, etwa 23 Prozent der Bevölkerung, entspricht. Die Resultate werden nach der Bevölkerungsgrösse gewichtet, sodass am Ende ein gemessener Wert als Milligramm Substanz pro Tag pro 1000 Personen herauskommt. Und diese Werte lassen sich sowohl zwischen den Örtlichkeiten als auch im Laufe der Zeit vergleichen, ganz anonym, ohne dass jemand persönliche Fragen zu seinem Konsumverhalten beantworten muss. Die Daten sind somit objektiv, aktuell und über die ganze Schweiz vergleichbar.
Die Daten sind objektiv, aktuell und über die ganze Schweiz vergleichbar.
So zeigen die Daten, dass der Konsum von Ketamin sich seit 2021 in den meisten Städten verdoppelt, in manchen sogar verdreifacht hat. Am meisten Amphetamine werden in Bern konsumiert, am meisten MDMA in Zürich und Lausanne. Kiffer-Hauptstadt der Schweiz ist den Analysen zufolge aktuell Genf. Auch legale Drogen können die Wissenschaftler im Abwasser nachweisen. So kann man anhand der Konzentration von Anabasin, einem Tabak-Alkaloid, den Zigarettenkonsum abschätzen. Dieser ist 2024 in der ganzen Schweiz im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Dafür ist der Nikotinkonsum, gemessen an der Metabolite Cotinin, gleichbleibend hoch. Grund für diese Diskrepanz dürfte die vermehrte Verwendung von E-Zigaretten und anderen Verdampfern sein.
Prognosen für die Zukunft
Abteilungsleiter Christoph Ort erklärt, dass von den gemessenen Werten jedoch kein Rückschluss auf das Konsumverhalten von einzelnen Personen geschlossen werden kann. «Wenn sich ein Wert erhöht, dann wissen wir nicht, ob mehr Personen eine Substanz konsumieren oder die bisherigen Konsumenten jeweils mehr verbrauchen.» Würde man die Untersuchungen von den 10 auf die 50 grössten Kläranlagen ausweiten, so könnte man mit den Analysen die Hälfte der Schweizer Bevölkerung abdecken. «Über die vielen ländlichen Einzugsgebiete von kleinen Kläranlagen wüsste man dann immer noch nicht viel», gibt Ort jedoch zu bedenken. Ausserdem seien solche grossflächigen Analysen auch immer eine Geld- und Kapazitätsfrage.
Dass Abwasseranalysen auch in anderen Gesundheitsbereichen nützliche Informationen liefern können, zeigte sich während der Coronapandemie. Die Überwachung der SARS-CoV-2-RNA im Zulauf von über 100 Schweizer Kläranlagen ergänzte hier andere epidemiologische Indikatoren wie die aktuellen Fallzahlen. Somit ergab sich ein umfassenderes Bild des Pandemieverlaufs. Ausserdem konnte sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) so einen Überblick über die Zirkulation von problematischen Virenvarianten verschaffen. Grippeviren (Influenza A und B) und das RS-Virus (Respiratory Syncytial Virus) werden mit dieser Methode routinemässig gemessen, und auch Masern und Affenpocken (Mpox) wurden bereits untersucht. Die Methodik wird aktuell weiterentwickelt und bewertet, sodass sie in Zukunft auch für andere Krankheitserreger verwendet werden könnte.
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