Als ein chinesisches Forscherteam Anfang 2023 das Gewebe von 15 Herzpatienten untersuchte, staunte es nicht schlecht: Bei fast allen befanden sich in Blut- und Organproben kleinste Partikel von Plastik, sogenanntes Mikroplastik. Wie dies in die Körper gelangte und welche Auswirkungen es hat, ist derzeit noch unbekannt.

Mikroplastik ist in aller Munde. Viele Produkte werben mittlerweile dafür, kein Mikroplastik zu verwenden. Denn eins ist klar: Die kleinen Plastikpartikel verbleiben nicht nur sehr lange in der Umwelt, weil sie sich kaum zersetzen, sie reichern sich auch in Organismen an und können diese längerfristig schädigen. Die Auswirkungen solcher winzigen Plastikpartikel auf Natur und Umwelt ist zurzeit ein grosses Forschungsfeld, und täglich gibt es neue, meist negative Erkenntnisse darüber.

Als Mikroplastik bezeichnet man kleine Kunststoffteilchen mit einem Durchmesser von weniger als5 Millimetern. Dass diese von menschlichen Aktivitäten stammen, steht ausser Frage, denn Plastik kommt bekanntermassen in der Natur sonst nicht vor. Weltweit stammen die meisten Mikroplastikpartikel (rund 35 Prozent) aus dem Waschen von synthetischen Textilien, gefolgt von Reifenabrieb von Kraftfahrzeugen (28 Prozent) und Feinstaub (24 Prozent).

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Winzige Partikel, grosse Wirkung

Das Bundesamt für Umwelt schätzt, dass jährlich etwa 14 000 Tonnen Plastik in die Schweizer Böden und Gewässer gelangt, ein Teil davon als Mikroplastik. Allein 15 Tonnen Mikroplastik gelangen jährlich in die Schweizer Seen und Flüsse. Am meisten Mikroplastik enthält der Rhein in der Nähe von Basel: Rund viereinhalb Tonnen davon transportiert der Fluss jährlich Richtung Deutschland. Der Grossteil der in der Schweiz produzierten Mikroplastikpartikel bleibt jedoch im Land. So fand ein Schweizer Forscherteam 2020 sogar im abgelegenen Sassolo-See (TI) unter einer drei Meter dicken Eisschicht reichlich Plastikpartikel.

Die winzigen Partikel können eine grosse Wirkung haben. «Es gibt zahlreiche Studien darüber, wie toxisch Mikroplastik für viele Arten ist», warnt Evolutionsbiologin Justyna Wolinska vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Deutschland. Sie untersucht jedoch auch den Effekt der kleinen Partikel auf die Wechselwirkung zwischen Arten und beispielsweise die Verbreitung von Krankheiten und Parasiten. So konnte die Forscherin bereits zeigen, dass Plastikpartikel das Immunsystem von Daphnien schädigen, die dann weniger in der Lage sind, sich vor Parasiten zu schützen. «Da Daphnien im Zentrum des Nahrungsnetzes stehen, hat das Folgen für die übrigen Arten, wenn ihre Bestände möglicherweise schrumpfen», so Wolinska. Ähnliche Beobachtungen machten die Forschenden auch beim Wechselspiel zwischen Cyanobakterien und Chytridpilzen. Diese Pilze tragen im Sommer dazu bei, dass sich die sogenannten Algenblüten nicht zu stark ausbreiten. «Wir konnten beobachten, dass die Cyanobakterien, wenn sie kleinsten Kunststoffteilchen ausgesetzt sind, von diesen abgedeckt werden. Als Folge davon können Chytridpilze die Cyanobakterien nicht mehr angreifen», beschreibt Wolinska den Zusammenhang. Welch enormen Einfluss Kleinstlebewesen auf Gewässerökosysteme haben können, zeigte sich bei der Oder-Katastrophe im Sommer 2022: Giftige Algen lösten ein massives Fischsterben in dem deutschen Fluss aus. Ähnliche Szenarien sind auch für die Schweiz nicht unrealistisch.

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Über die Fliessgewässer landet das meiste Mikroplastik irgendwann im Meer. Hier sind zahlreiche Organismen direkt von den Partikeln betroffen. So zeigen Muscheln und Wattwürmer nach der Aufnahme von Mikroplastik Entzündungsreaktionen. Zyniker mögen sagen, dass die Schweiz und ihre Natur als Binnenland zumindest in diesem Fall keine Probleme zu erwarten hat. Barbara Scholz-Böttcher von der Universität Oldenburg hat jedoch schlechte Nachrichten. Sie fand heraus, dass das Meer Mikroplastik an die Atmosphäre abgibt. Für ihre Studie analysierte sie Luftproben, die entlang der norwegischen Küste bis in die Arktis genommen wurden. Das Ergebnis: In allen Proben tauchten Mikroplastikteilchen auf. «Diese Schadstoffe sind omnipräsent. Wir finden sie selbst in abgelegenen polaren Regionen», so Scholz-Böttcher.

So vermeiden Sie Mikroplastik

Alternative Pflegeprodukte

Noch immer enthalten manche Peelings kleine Plastikkügelchen, und auch in Duschgels, Shampoos, Puder und Lippenstiften kann Plastik enthalten sein. Allerdings gibt es mittlerweile viele Alternativen. Peelings mit gemahlenen Walnussschalen oder Aprikosenkernen funktionieren genauso gut. Viele Kosmetikhersteller verzichten mittlerweile bewusst auf Mikroplastik.

Plastikverpackungen vermeiden

Viele Mikroplastikteilchen stammen von zerkleinerten grösseren Plastikprodukten. Der Verzicht auf Plastik schont so die Umwelt gleich auf mehreren Ebenen. Obst und Gemüse gibt es auch im Supermarkt oft ohne Verpackung, und spezielle Unverpackt-Läden bieten darüber hinaus Produkte ohne Plastikverpackungen an.

Baumwolle statt Synthetik

Polyester, Mikrofaser, Elasthan oder Nylon verlieren bei jeder Wäsche kleine Faserteilchen, die so in die Gewässer gelangen. Auch Kleidungsstücke aus Naturfasern wie Baumwolle, Wolle, Leinen oder Hanf können bei der Wäsche Fasern verlieren, diese sind aber in der Regel biologisch abbaubar.

Weichspüler vermeiden

Studien haben gezeigt, dass Weichspüler die Anzahl der aus synthetischer Kleidung gelösten Fasern erhöht. Schon nur allein deswegen sollte man auf Weichspüler möglichst verzichten. Als Alternative kann man der Wäsche einen Schuss Essig oder Zitronensäure beigeben, was fast denselben erwünschten Effekt hat wie Weichspüler, die Wäsche und die Umwelt jedoch nicht strapaziert.

Flusensieb entleeren

Das Flusensieb von Waschmaschine und Trockner sollte man regelmässig leeren. Aber bitte in den Mülleimer und nicht in den Abfluss oder die Toilette. Denn dadurch gelangen die kleinen Fasern direkt ins Abwasser und damit irgendwann in unsere Gewässer.

Putztücher

Putztücher bestehen oft aus Mikrofaser. Sie verlieren beim Waschen ebenso wie Kleidung winzige Kunst-fasern. Stattdessen kann man jedoch auch Baumwolltücher oder Stoffreste von alter Bettwäsche oderGeschirrtüchern zum Putzen verwenden. Dadurch erhalten diese zugleich eine zweite Chance.

App CodeCheck

Mit der kostenlosen App «CodeCheck» lässt sich über den Produktcode ganz einfach herausfinden, welche Inhaltsstoffe bedenklich sind. Gemäss den App-Entwicklern enthalten immer noch 29 Prozent aller Kosmetikprodukte Mikroplastik oder andere problematische Polymere. Die App zeigt anhand der Ampelfarben, welche Inhaltsstoffe bedenklich sein könnten. Im Fokus stehen alle potenziell gesundheitsgefährdenden Stoffe sowie Allergene.

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