Im August 1964 schoss die Nasa den ersten Wettersatelliten ins All. Sein Ziel: Die Überwachung der globalen Umwelt. Erforscht wurden damals die Erdatmosphäre, die Ozeane und die Wärmebilanz der Erde. Seitdem folgten zahlreiche weitere Satelliten, die eine genaue Bildgebung erlauben und somit Daten zur Verfügung stellen. Das Spannende: Aufgrund dieser Daten können nicht nur die Veränderungen in der Vergangenheit nachvollzogen werden, sondern die Modelle erlauben auch, Trends für die Zukunft zu berechnen.

Die Resultate machen die Klimaveränderung und die damit einhergehende Erderwärmung plastisch sichtbar. Seit 1880 stieg die Durchschnittstemperatur weltweit um 1,01 Grad. Das klingt vielleicht nicht nach viel, hat jedoch schon jetzt verheerende Folgen: Seit 1993 stieg der globale Meeresspiegel um mehr als10 Zentimeter, stellenweise sogar bis zu 20 Zentimetern, so in der Nordsee. Der WWF schlägt Alarm: Mehr als eine Milliarde Menschen, die in den Küstenregionen der Welt leben, werden bis 2050 ihre Heimat auf Dauer verlassen müssen, weil Städte und Dörfer überflutet und damit unbewohnbar sein werden. Grund dafür sind die abschmelzenden Polkappen, die die Ozeane mit Wasser speisen und die Meeresspiegel ansteigen lassen.

Weniger Eis, mehr Wasser

Die Arktis erwärmt sich schneller verglichen mit anderen Gebieten der Erde, und die Eisflächen werden immer geringer. Bisher ging man davon aus, dass 2100 im besten Fall noch 50 Prozent der ursprünglichen Eisfläche übrig sein wird, im schlimmsten Fall ist das Eis komplett verschwunden. Beruhten diese An-nahmen bisher auf Bodenmessungen und Hochrechnungen, so erlauben es die Satellitendaten der Nasa aus vergangenen Jahren Wissenschaftlern nun, ein genaues Bild davon zu gewinnen, wie sehr die Eismassen tatsächlich zurückgehen. Die Daten über-steigen die Befürchtungen der Forscher: Tatsächlich ist schon heute über die Hälfte des Eises, das 1950 noch die Arktis bedeckte, verschwunden. «Pro Jahrzehnt gehen das Eis um 12,6 Prozent zurück», berichtet die Nasa auf ihrer Website (climate.nasa.gov), auf der die Daten in Echtzeit eingesehen werden können. 2012 wurde die geringste Eisfläche seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen registriert, und pro Jahr gehen allein in Grönland sagenhafte 273 Milliarden (273 000 000 000) Tonnen Eis verloren.

Die Wissenschaft ist sich einig: Wenn die Eisschmelze mit dieser Geschwindigkeit voranschreitet, so wird die Arktis noch vor 2050 in den Sommermonaten eisfrei sein. In polaren Gebieten wie Alaska und Sibirien sind die Folgen der Eisschmelze unmittelbar zu spüren. Permafrostböden tauen auf und Küsten erodieren, was nicht nur die dortigen Siedlungen bedroht, sondern auch die Tier- und Pflanzenwelt. «Wir haben viele längere Perioden mit offenem Wasser im arktischen Meer», berichtet Mikhail Stishov,Koordinator für arktische Biodiversität des WWF Russland. «Für Eisbären wird das Jagdgebiet auf dem Eis immer enger, was unter anderem zu Konflikten mit den Menschen führt, weil sie sich den Siedlungen nähern.»

[IMG 2]

Eisbären (Ursus maritimus) gehören zu den grössten landlebenden Raubtieren der Erde. Sie erbeuten Robben an deren Atemlöchern oder direkt auf dickem Packeis. Auf dieses sind sie auch angewiesen, wenn sie sich auf Wanderschaft begeben. Das Team um Andrew Derocher von der University of Alberta, Kanada, fasst in seiner Studie von 2012 die Fakten zusammen:«Aufgrund der Bedürfnisse der Eisbären an ihren Lebensraum ist davon auszugehen, dass bis Mitte des Jahrhunderts zwei Drittel der Population verschwunden sein wird.» Zwar hätten Eisbären schon frühere Wärmeperioden überlebt, aber dadurch, dass jeweils nur wenige Tiere übrig geblieben sind, ist die genetische Vielfalt erheblich eingeschränkt, und bei der heutigen Situation kommen zusätzliche menschenverursachte Probleme wie Zersiedlung der Landschaft, Störung durch Ölbohrungen und andere industrielle Aktivitäten, giftige Substanzen im Nahrungsnetz und Rückgang der Beutetiere hinzu. «Selbst wenn die globale Erwärmung gestoppt werden kann, ist die Zukunft der hochspezialisierten Raubtiere ungewiss», schlussfolgert Derocher. Diverse Studien zeigen, wie Eisbären schon heute unter dem Verschwinden des Eises leiden. In den Sommermonaten ist der Gesundheitszustand der Tiere zunehmend schlechter, trächtige Weibchen sind leichter als noch vor einigen Jahren, und die Überlebenschancen von Jungtieren gehen stetig zurück.

2015 ging ein Bild der deutschen Fotografin Kerstin Langeberger um die Welt: Ein dem Verhungern nahes, ausgemergeltes Eisbärweibchen steht mit gesenktem Kopf einsam auf einer dünnen Eisscholle auf Spitzbergen. «Ich habe auf meinen Reisen in die hohe Arktis schon öfters tote Bären gesehen und oft auch sehr abgemagerte Tiere, aber ein so dermassen ausgehungerter Bär ist mir noch nie begegnet», berichtet Langeberger gegenüber dem WWF. «Eisbären jagen in erster Linie Robben, und die halten sich dort auf, wo Treibeis das Meer bedeckt. Eisbärenmännchen können ihr ganzes Leben auf dem Eis bleiben und sind daher oft wohlgenährt. Die Weibchen aber gehen an Land, um dort ihre Jungen zu gebären. Und da sich Winter für Winter weniger Treibeis bildet, stranden die Weibchen mit ihren neugeborenen Jungen an Land, wo sie kaum Nahrung finden.» Das Tier auf dem Foto wurde zum traurigen Mahnmal des Klimawandels und ist vermutlich wenige Tage später verstorben.

Drohender Untergang

Pro Jahr gehen in Grönland 273 Milliarden Tonnen Eis verloren.

Nicht nur die Polarregionen haben unter der Eisschmelze zu leiden, auch fernab der Arktis sind die Konsequenzen spürbar. Mit dem Anstieg des Meeresspiegels werden Inseln unter dem Wasser verschwinden, so vermutlich auch jene von Kiribati. Der kleine Staat erstreckt sich südlich von Hawaii auf 33 Inseln, die jeweils nur einen bis drei Meter aus dem Wasser ragen. 115 000 Einwohner bevölkern die idyllischen Kleinode aus weissen Sandstränden und Palmen. Bis 2050 wird ein Grossteil von Kiribati verschwunden sein und die Menschen müssen von den Küsten in die höheren Regionen wie die Hauptstadt Süd-Tarawa fliehen, die jedoch auch lediglich drei Meter über dem Meeresspiegel liegt. Schon heute kommt es häufig zu Sturmfluten und Zyklonen, wie 2015 der Zyklon Pam. Die Trinkwasserquellen der Inseln liegen nur knapp unter der Oberfläche. Steigt der Meeresspiegel, so sickert Salzwasser in die Quellen und verunreinigt das kostbare Trinkwasser. Dann ist auch keine Landwirtschaft mehr möglich – eine Katastrophe für die vielen einheimischen Selbstversorger.

Anote Tong, der ehemalige Präsident Kiribatis, arbeitet an Lösungsstrategien. Nebst dem Notplan, nach Fidschi auszuwandern, bietet Neuseeland den Bewohnerinnen und Bewohnern Hilfe für den Fall der Fälle an. Die Inselbevölkerung soll nach Neuseeland ziehen und dort Jobs bekommen können. Denn eins ist klar: Die Menschen Kiribatis werden früher oder später flüchten müssen. Zynischerweise hat Kiribati eine der tiefsten CO2-Emissionen. Laut den Daten der Weltbank lagen diese 2019 bei 0,77 Tonnen pro Kopf. Im Vergleich dazu verursachte die Schweiz im gleichen Jahr 4,36 Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf, mehr als das Fünffache.

Das sagt der Schweizer Arktisforscher

Dr. Martin Schneebeli ist Leiter der Forschungseinheit «Schnee und Atmosphäre» am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF.

Herr Schneebeli, das arktische Meereis droht bis 2050 verschwunden zu sein, und auch um unsere Gletscher steht es nicht gut. Welche Konsequenzen hat das für die Schweizer Bevölkerung?

Das Meereis im Nordpolarmeer strahlt im Sommer viel Sonnenlicht zurück ins Weltall. Ist es verschwunden, wird das Meer wärmer, die Luft wird wärmer, die Wolkenbildung in der Arktis wird sich ändern und damit auch die Luftströmungen. In der Schweiz wird das Wetter beeinflusst, denn ohne Meereis wird sich der Jetstream ändern. Indirekt wird sich für die Schweiz die veränderte Biologie auswirken, denn das Meereis ist die Geburtsstube für viele Meerfische.

Können wir als Individuen etwas tun, um diesem Szenario entgegenzuwirken oder uns auf den schlimmsten Fall vorzubereiten?

Ja, eigentlich ist es sehr einfach: weniger fossile Energie verbrauchen. Praktisch bedeutet das: mehr Fuss- und Velomobilität, statt mit dem Auto unterwegs sein, weniger Fleisch essen und im Winter wärmere Kleider anziehen, statt übermässig zu heizen.

Welchen Appell haben Sie an Politik und Wirtschaft?

Politik und Wirtschaft folgen den Wünschen der Gesellschaft, wir müssen zuerst als Individuen handeln. Nur so können wir Druck auf die Entscheidungsträger ausüben.

[IMG 3]