Anspruchsvolle Raubtiere
Frettchen als Haustiere: Flink, frech und faszinierend
Mit ihrem knuffigen Teddybärgesicht, dem flauschig wirkenden Fell und einer gehörigen Portion Charme wickeln Frettchen Menschen schnell um den Finger. Doch Inhalte auf sozialen Medien lassen oft vergessen, wie anspruchsvoll die kleinen Raubtiere tatsächlich sind. Ulli Runge und Karin Stiffler vom Kamelhof Olmerswil halten nicht nur Alt- und Neuweltkameliden, sondern auch Frettchen. Der TierWelt erzählen sie, warum Frettchen als Haustiere keinesfalls unterschätzt werden sollten.
Wir befinden uns in einem Zimmer, ausgestattet mit Strohballen, Weidekörben, antik anmutenden Puppen-Wagen und Näpfen. Auf den ersten Blick erscheint der Raum ruhig und verlassen. Doch plötzlich raschelt etwas zwischen den Strohhalmen: Loki kommt zum Vorschein. Gemeint ist nicht etwa der Gott der Täuschung aus der nordischen Mythologie, sondern ein Frettchen. Neugierig streift er zwischen den Strohballen hindurch und kommt auf den Gehegerand zu. Dort stehen Karin Stiffler und Ulli Runge. Loki nähert sich ihnen, begrüsst sie und holt sich, ganz zahm, seine Streicheleinheiten ab. «Wahrscheinlich hat er eben noch geschlafen», vermutet Stiffler. Denn Schlaf macht einen grossen Teil des Lebens der dämmerungs- und nachtaktiven Frettchen aus: Bis zu 18 Stunden pro Tag verbringen sie schlafend. Sind sie so richtig im Tiefschlaf, bekomme man sie fast nicht wach, erzählt Runge. «Doch wenn sie uns hören, kommt meistens eines der Frettchen hervor, um zu gucken, was los ist.» Denn Loki ist nicht alleine. Als sehr gesellige Tiere dürfen Frettchen niemals einzeln gehalten werden. Der unkastrierte Rüde teilt sich die Anlage mit den vier weiblichen Fähen Kikil, Lizzie, Maggie und Invicta. Drei davon sind kastriert.
«In den sozialen Medien wird oft ein völlig falsches Bild
von Frettchen vermittelt.»
Ulli Runge, Betriebsleiter Kamelhof Olmerswil
Je wacher Loki wird, desto agiler bewegt er sich. Mal ist er auf dieser Strohballe, Sekunden später verschwindet er darunter und kommt zwischen der nächsten wieder hervor. Kommt er zum Gehegerand, begleitet ihn ein prägnanter Geruch. Frettchen bringen nicht nur einen moschusartigen Eigengeruch mit sich, sondern können durch ihre Analdrüsen auch ein stark riechendes Sekret absondern. Dieses dient zur Reviermarkierung, situationsbedingt jedoch auch zur Verteidigung. «Weibliche Frettchen riechen weniger streng», sagt Runge. «Aber bei unkastrierten Rüden wie Loki muss man schon hartgesotten sein.» Doch riecht man den Geruch auch noch, wenn man schon jahrelang Frettchen hält? «Oh ja, absolut!», bestätigen die beiden grinsend.
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Durch Lokis flinke Bewegungen wird eine Mitbewohnerin nach der anderen aus dem Schlaf gelockt. Bald herrscht ein einziges Gewusel im Raum, das die Zuschauenden in den Bann zieht. «Es sind einfach unglaublich unterhaltsame Tiere», kommentiert Stiffler lächelnd.
Die fünf Frettchen sind nur eine von vielen verschiedenen Tierarten, die Ulli Runge und Karin Stiffler umgeben. Die beiden besitzen und betreiben den Kamelhof Olmerswil in Neukirch an der Thur (TG). Wie der Name des Hofs bereits vermuten lässt, leben hier Trampeltiere, Dromedare und Tulus, aber auch Neuweltkameliden wie Alpakas und Lamas sowie verschiedene Reptilienarten. Rund um diesen diversen Tierbestand bietet der Kamelhof verschiedene Aktivitäten an. Kamelreiten und Lamatrekking gehören ebenso zum Repertoire des Kamelhofs Olmerswil wie Begegnungsmöglichkeiten mit Frettchen. «Dabei haben Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, während einer halben Stunde unsere Frettchen kennenzulernen und sie zu streicheln. Parallel informiere ich über die Eigenschaften und Lebensweise der Tiere. Voraussetzung ist natürlich immer, dass sich die Frettchen auch zeigen und Lust auf die Begegnung haben», erklärt Runge. Das sei jedoch in den allermeisten Fällen kein Problem. «Wahrscheinlich haben sie Angst, dass sie sonst etwas verpassen», sagt Stiffler lachend.
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Vom Arbeits- zum Heimtier
Frettchen zu begegnen, dürfte für viele Menschen ein Novum sein. Schliesslich sind sie, verglichen mit Katze oder Hund, weitaus weniger bekannte und verbreitete Heimtiere – und werden auch noch nicht lange als solche gehalten. Frettchen gehören zur Familie der Marder und sind domestizierte Iltisse. «Dass Menschen sie bei sich zuhause halten, ist hier erst etwa seit den Neunzigerjahren der Fall. Sicher gab es vorher auch schon Einzelfälle von Frettchenhaltungen. Doch verbreitet war dies nicht», erklärt Ulli Runge.
Domestiziert wurden Frettchen bereits vor Jahrtausenden. Allerdings nicht primär, um sie als Heimtiere zu halten, sondern um ihre Fähigkeiten zu nutzen: Ihr schlanker Körperbau und ihr Jagdtrieb machen Frettchen zu praktischen Helfern bei der Kaninchenjagd. Beim sogenannten Frettieren werden die flinken Tiere zu einem Kaninchenbau gebracht, in den sie, dank ihres Körperbaus, ohne weiteres eindringen können. So treiben die Frettchen das Kaninchen aus dem Bau, welches dann draussen von den Jägern – den Frettierern – erwartet wird. Diese Jagdmethode, die zwar selten geworden ist, jedoch unter Auflagen heute noch in Ländern wie Deutschland praktiziert wird, geht auf die Zeit der Antike zurück. Schon der römische Kaiser Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.) liess Frettchen auf die balearischen Inseln einführen, um den dort lebenden Wildkaninchen den Kampf anzusagen. Wildkaninchen, die ursprünglich nur auf der iberischen Halbinsel und Nordafrika vorkamen, verbreiteten sich mit der Zeit in ganz Europa – und die Frettchen folgten ihnen. Mancherorts genossen sie im Mittelalter sogar eine grössere Beliebtheit als Katzen – schliesslich jagten Frettchen auch Nagetiere wie Mäuse oder Ratten. «In England nutzte man Frettchen zur Mäusejagd, bevor es dort Katzen gab», weiss Ulli Runge. Mit der Zeit liefen die Samtpfoten den Frettchen als Jagdhelfer jedoch den Rang ab. Doch Liebhaberinnen entdeckten Frettchen als Haustier. Damit begann eine Ära der Zucht. «Frettchen, die früher für die Jagd verwendet wurden, waren vorwiegend Albinos», erklärt Runge. «Man wollte Frettchen in möglichst vielen Farbvarianten. Sogar langhaarige Tiere wurden gezüchtet!» Die intensive Züchterei hat den Tieren aber diverse gesundheitliche Probleme und eine kürzere Lebenserwartung gebracht. Viele Frettchen leiden ab einem gewissen Alter unter Problemen mit der Leber oder der Nebenniere oder werden mit einer Veranlagung zu Tumoren geboren.
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Fleisch, genügend Platz und Spass
Zurück in die Gegenwart: Auf dem Kamelhof Olmerswil sind mittlerweile alle Frettchen wach. Rüde Loki hält in seinem Bewegungsdrang kurz inne, um an einer Schale mit speziellem Frettchen-Trockenfutter zu schnuppern. Doch noch scheint der Hunger nicht allzu gross zu sein. «Die Hauptfütterungszeit ist jeweils am Abend», erklärt Ulli Runge. Auf dem Speiseplan stehen hauptsächlich Küken oder Mäuse, selten auch Hackfleisch. «Frettchen sind hundertprozentige Karnivoren », erklärt Ulli Runge. Im Gegensatz zu ihren Verwandten, den Steinmardern, greifen sie nicht auf Pflanzenkost zurück. «Ihr Verdauungstrakt ist extrem auf tierisches Protein ausgerichtet – mit dem Rest können sie nichts anfangen und davon sogar krank werden.»
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Für den Moment scheint sich Loki weniger fürs Fressen als fürs Herumflitzen zu interessieren. Wir verlassen das Frettchenzimmer im Innern des Hauses und gehen zum Aussengehege. Durch ein Röhrensystem, welches um das ganze Haus herumführt, haben die Frettchen des Kamelhofs viele Bewegungsmöglichkeiten. Das Aussengehege ist mit verschiedenen Pflanzen, Baumstrünken und Spielzeugen ausgestattet und von einer Art Holzwand umgeben. Springend könnten sie nicht aus dem Gehege fliehen, versichern Runge und Stiffler. «Die grössere Gefahr wäre, dass sie sich aus dem Gehege herausbuddeln. Doch unseres ist nach unten gesichert.» Kaum draussen, klappert die Röhre: Heraus kommt Loki, der den Stimmen gefolgt ist. Er tollt durch das Aussengehege, klettert in einen Weidekorb und lässt sich hin- und herschwingen. «Sie geniessen es einfach sehr, wenn man sich mit ihnen beschäftigt und sie bespasst», sagt Stiffler lächelnd.
Eine Haltung von Frettchen drinnen, aber mit Zugang zu einer Aussenanlage sei optimal, betont Runge. Kältere Temperaturen im Winter stellen kein Problem dar. «Frettchen sind absolut kälteresistent. Sie bekommen ein sehr dichtes Fell und frieren dadurch nicht. Hitze vertragen sie schlechter.» Zwar könnten sie ein gepflegtes Sonnenbad durchaus geniessen. «Doch bei hohen Temperaturen werden sie etwas schlaff.»
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Um Frettchen zu halten, ist ein Aussengehege zwar von Vorteil, aber kein Muss. «Man kann sie auch in der eigenen Wohnung halten, wenn man den nötigen Platz dafür hat», bestätigt Runge. «Aber man muss sich bewusst sein, wie sie riechen, was sie fressen und wie sie sich benehmen. Das ist nicht für alle.» Das Verhalten von Frettchen sei zwar unterhaltsam, könne aber auch anstrengend sein. «Sie kriechen überall rein, machen vieles kaputt und zerrupfen alles.» Szenarien wie ein Küken unter dem Sofa, das von den Frettchen noch nicht gefressen wurde, lägen durchaus im Bereich des Möglichen. Auch deshalb gilt: Je grösser das Gehege, desto weniger Reinigungsaufwand. «In unserem Fall reicht es, wenn wir die Anlage einmal pro Woche reinigen» erklärt Runge. «Hält man sich bei der Anlage nur gerade an die geforderte Mindestgrösse, steigt der Aufwand natürlich deutlich.» Aspekte wie Grösse und Ausstattung eines Frettchengeheges sind in der Tierschutzverordnung festgehalten. Denn nur wer sich mit den agilen Tierchen auskennt, darf sie auch halten – aus gutem Grund.
Verzerrte Realität auf Social Media
Flink, niedlich und sehr verspielt – die Frettchen des Kamelhofs geben ein grossartiges Fotomotiv ab. Die quirligen kleinen Raubtiere begeistern nicht nur im echten Leben, sondern auch in der virtuellen Welt. Videos und Fotos, die sie beim Herumtollen, Spielen oder Schlafen zeigen, erreichen Tausende bis Millionen Menschen. Unter anderem wegen dieser Social-Media- Präsenz erhält der Kamelhof vermehrt Anfragen für Frettchen-Begegnungen, erzählen die Betriebsleitenden Ulli Runge und Karin Stiffler. Das Angebot komme extrem gut an und werde rege genutzt. «Manchmal kommen Familien mit Kindern, manchmal auch einfach Menschen, die Frettchen spannend finden oder sich sogar für deren Haltung interessieren.» Oft weckten jedoch gerade die in der virtuellen Welt vermittelten Inhalte falsche Erwartungen. «In den sozialen Medien wird oft ein völlig falsches Bild von Frettchen vermittelt », betont Runge. «Wenn die Leute erst hören, wie Frettchen leben und was sie fressen, wirft das diese Vorstellungen schnell über Bord.»
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Wer sich aber ernsthaft für die Haltung der fleischfressenden Tiere interessiert, braucht in der Schweiz eine Wildtierhaltebewilligung vom jeweiligen kantonalen Veterinäramt. Um diese zu erhalten, ist ein Sachkundenachweis nötig, der einen Tag dauert und bei vom Bund anerkannten Betrieben absolviert werden kann. Dazu zählt auch der Kamelhof Olmerswil. Ulli Runge unterrichtet den Kurs seit über 15 Jahren. Sein Wissen über Frettchen geht auf jahrelange Erfahrung zurück. In Deutschland absolvierte er eine Ausbildung zum Zootierpfleger, danach war er in verschiedenen Zoos in Deutschland und der Schweiz tätig. Dabei spezialisierte er sich hauptsächlich auf Huftiere. In einem Zoo, der nur Marder hatte, sammelte er seine ersten Erfahrungen mit Frettchen. «Ich mag diese Tiere einfach», erklärt er. «Doch ich finde auch die gesamte Tiergruppe der Marder spannend.»
An den Kursen, die Runge unterrichtet, würden unterschiedlichste Menschen teilnehmen. Auffällig sei aber: «Es kommen viele Schweizer, die schon einmal im Ausland gelebt haben. Oder auch Leute aus dem Ausland, die nun in die Schweiz ziehen und bereits Frettchen haben.»
In Deutschland beispielsweise ist dafür keine Bewilligung nötig; die Hemmschwelle, sich Frettchen anzuschaffen, liegt daher oft tiefer. Dies kann Folgen haben: Im Oktober berichteten Medien über zwei Frettchen, die in Niedersachsen in einer Transportbox ausgesetzt wurden und darin eingesperrt verendeten. Ein 28-Jähriger stellte sich später der Polizei. «Es ist schlimm, wie viele Frettchen in Deutschland unüberlegt angeschafft werden», sagt Runge. Die Motivation dahinter sei oft, ein spezielles Haustier zu haben. «In der Schweiz muss man sich durch die Kurse mehr mit diesen Tieren auseinandersetzen – ob man will oder nicht. Daher ist es hier weniger ein Problem.»
Niemals kaufen, sondern adoptieren
Doch wo kauft man Frettchen eigentlich, wenn man den Sachkundenachweis absolviert und die Bewilligung in der Tasche hat? Wer googelt, stösst relativ schnell auf einen Artikel von PETA Deutschland, der vor einem Kauf warnt. Züchterinnen und Züchtern gehe es oft alleine darum, mit Frettchen Profit zu machen – auf Kosten des Tierwohls. «Dort gibt es viele grosse Zuchten, die verschiedene Farbvarianten führen. Die sollte man ganz sicher nicht unterstützen», betont Ulli Runge. Auch der Bezug aus Zoos sei keine gute Idee. «Die Anlagen in diesen Zoos sind oft gross, die Frettchen könnten daher zu verwildert und zu wenig menschenbezogen sein.» Karin Stiffler fasst zusammen: «Daher empfehlen wir klar, Frettchen aus dem Tierschutz zu holen, für die sowieso bereits ein Platz gefunden werden muss.»
Der Verein Frettchentreff, der erste Deutschschweizer Frettchenverein, informiert und berät rund um die Tiere. Vor einer Anschaffung rät die Institution allen Interessierten zum Austausch mit erfahrenen Frettchenhalterinnen und -haltern, um sich ein Bild machen zu können. In Zusammenarbeit mit dem deutschen Verein Alpenfrettchen e.V. werden auch Tiere vermittelt – vorausgesetzt, man hat die nötige Haltebewilligung.
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Auch der Kamelhof Olmerswil unterstützt, berät und vermittelt rund um Frettchen. «Alle, die den Kurs hier machen, können sich bei Fragen jederzeit an uns wenden », betont Stiffler. Dieses Angebot werde rege genutzt. «Fast wöchentlich erhalten wir Anfragen, bei denen es darum geht, Tiere zu platzieren.» Durch das vorhandene grosse Netzwerk wisse man oft, wo gerade Frettchen gesucht würden und könne so Kontakte vermitteln.
Noch immer stehen Stiffler und Runge am Aussengehege der Frettchen, betrachten und bespassen ihre Schützlinge. «Insbesondere für berufstätige Menschen können Frettchen ideal sein. Sie schlafen den ganzen Tag und werden wach, wenn man abends nach Hause kommt», sagt Runge. «Wenn man sich gut informiert und sich eine Anschaffung genau überlegt, sind Frettchen wunderbare Haustiere.»
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