Pro: «Ohne Tierexperimente hätten wir viele Medikamente und Therapiemethoden nicht»

Frau van den Broek, welche Art von Tierversuchen betreiben Sie?

Meine Forschungsgruppe an der Universität Zürich untersucht, wie Krebs unser Immunsystem austrickst und dadurch ungehindert wachsen kann. Ein besseres Verständnis dieser Mechanismen kann uns helfen, Schwachstellen von Krebs aufzudecken, die als neue therapeutische Ziele dienen können. Wir erforschen solche Mechanismen an Mäusen, weil das Immunsystem von Mäusen und Menschen sehr ähnlich ist.

Warum braucht es generell Tierversuche?

Die biomedizinische Forschung kann auf Tierversuche nicht verzichten, weil für die normalen und pathologischen Prozesse im Körper das Zusammenspiel mehrerer Zelltypen und Organsysteme nötig ist. Viele Zellen sind mobil und bewegen sich innerhalb des Körpers. Es ist unmöglich, diese Dynamik und das Zusammenspiel der Zellen in einer Kulturschale zu imitieren, zumal auch Organe sehr komplex sind. Darum sind auch Computermodelle bzw. künstliche Intelligenz keine Alternative, da diese nur funktionieren, wenn genügend Information eingespeist wurde. Und genau diese Information fehlt uns. Ferner sind Tierversuche für die Zulassung von neuen Medikamenten für Mensch und Tier vorgeschrieben, damit die Sicherheit und die Wirksamkeit der Medikamente gewährleistet sind.

Würde Ihre Forschung auch mit alternativen Methoden funktionieren?

Die biomedizinische Forschung mit alternativen Methoden steckt noch in den Kinderschuhen. Gleichzeitig verfolgen alle Forschenden das 3R-Prinzip, wonach Tierversuche durch tierversuchsfreie Methoden ersetzt, die Anzahl Tiere reduziert und die Belastung vermindert werden soll.

Was würde passieren, falls Tierversuche in der Schweiz verboten werden würden?

Ein Tierversuchsverbot würde die biomedizinische Forschung stark einschränken und die Entwicklung und Zulassung von neuen Medikamenten und medizinischen Produkten verhindern. Auch die Entwicklung neuer Operationstechniken wie zum Beispiel der Herzklappenreparatur, die Transplantationsmedizin oder die Ausbildung von Tierärztinnen und Tierärzten wären nicht mehr möglich. Das Argument, dass solche Forschung immer noch in anderen Ländern stattfinden kann, ist kurzsichtig und könnte dem Tierwohl gar schaden, da nahezu alle Länder weniger strenge Tierschutzgesetze haben als die Schweiz. Zudem würde der Grundlagenforschung ein essenzielles Instrument weggenommen werden.

Wozu braucht es überhaupt Grundlagenforschung?

Ich erkläre das gerne an einem realen Beispiel. Anfang der 1990er-Jahre wollten Forscher wissen, wie die Aktivität von bestimmten Immunzellen reguliert wird. Im Labor ist man dabei auf ein neues Molekül mit unbekannter Funktion gestossen. Um herauszufinden, welche Aufgabe dieses hat, wurden Mäuse ohne das Molekül generiert. Da diese Tiere eine Autoimmunerkrankung entwickelten, wurde bald klar, dass das bisher unbekannte Molekül eine wichtige Funktion für das Immunsystem einnimmt. Siebzehn Jahre später und nach einigen Versuchen an Tieren und Menschen wurde die Blockierung dieses Moleküls für die Behandlung von Krebs zugelassen, die sogenannte Immuntherapie. Diese hat die Krebsbehandlung nachhaltig verbessert und vielen bisher unheilbaren Patienten und Patientinnen Hoffnung auf ein normales Leben gegeben. Im Jahr 2018 haben James Allison und Tasuko Honjo für diese Entdeckung den Nobelpreis erhalten. Ohne wissenschaftliche Neugier, biologische Fragen zu klären, und ohne Tierexperimente hätten wir heute diese und viele anderen Therapiemethoden und Medikamente nicht.

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Contra: «Tiere sind nicht auf der Erde, um von uns als Messgeräte missbraucht zu werden»

Herr Werndli, welche Berührungspunkte haben Sie mit Tierversuchen?

Im Medizinstudium habe ich an einem Sektionskurs an toten Mäusen teilgenommen. Das gilt wahrscheinlich nicht einmal als Tierversuch, da diese gemäss Tierschutzgesetz definitionsgemäss an lebenden Tieren stattfinden müssen. Trotzdem würde ich ihn heute keinesfalls mehr mitmachen, da es dafür gute Methoden – wie Lehrvideos – ohne Tiere gibt.

Welche Gründe haben Sie, sich gegen Tierversuche einzusetzen?

Ich habe zwei Gründe: Erstens sind Tiere für sich selbst auf unserer Erde und nicht, um von uns als Messgeräte missbraucht zu werden. Zweitens zeigt die Metaforschung, die Forschungsmethoden untersucht, klar auf, dass Tierversuche wissenschaftlich ungenügend sind.

Möchten Sie mit Ihrer Initiative «Schweiz ohne Tierversuche» alle Schweregrade verbieten?

Ja, mit der Initiative möchten wir alle Tierversuche verbieten. Schweregrad 0 wird nur zur Gewissensberuhigung mit «keine Belastung» übersetzt. Denn schon die Haltung in kleinen Käfigen ist bereits eine grosse Belastung. Zudem werden Versuchstiere auch in Verhaltensstudien oft manipuliert und am Schluss getötet und seziert. Tatsächliche unbelastende Versuche kann übrigens das Parlament durch Änderung der Tierversuchsdefinition im Tierschutzgesetz jederzeit zu Nichttierversuchen erklären und damit weiterhin erlauben.

Verzichten Sie als praktizierender Arzt auf Medikamente, die an Tieren getestet wurden?

Ich selber brauche zum Glück keine Medikamente. Meinen Patienten kann ich leider nur tierversuchsgetestete Medikamente geben, da es keine anderen gibt. Aber auch wenn ich ein tierversuchsgetestetes Medikament schlucke, muss wegen mir kein Tier zusätzlich geopfert werden. Anders ist es beim Fleisch: Wenn ich Nutztiere schonen will, kann ich nicht sagen, ich darf Fleisch essen, weil das Tier ja schon tot ist.

Was sind Ihrer Meinung nach die alternativen Methoden, um z.B. Krebstherapien zu entwickeln?

Bei Krebs ist die sogenannte Mikrotumor-Technologie die beste Methode, um das individuell geeignetste Medikament zu finden. Die zur Diagnose sowieso entnommene Gewebsprobe mit den Krebszellen wird kultiviert und an diesen Zellkulturen werden dann die wirksamsten Medikamente ermittelt. Das wäre eigentliche und damit optimale personalisierte Medizin.

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