Schweizer Gewässer
Die Rückkehr der Lachse
Der beliebteste Speisefisch der Schweizer könnte in unser Land zurückkehren. Einzig die Mauern dreier Kraftwerke sind noch im Weg. Diese Barrieren werden in den nächsten Jahren beseitigt.
Vor mehr als hundert Jahren war der Rhein der grösste Lachsfluss Europas. Bis zu einer Million der grossen Fische schwammen damals auch an Basel vorbei. Heute versperren Kraftwerke und Wehre den Lachsen den Weg zurück zu ihren ursprünglichen Laichplätzen flussaufwärts und verhindern eine Rückkehr des Lachses in die Schweiz.
Der Lachs ist verwandt mit der Forelle und lebt unter anderem im Atlantischen Ozean. Im Spätherbst ziehen die ausgewachsenen Fische jedoch die Flüsse Europas zu ihren Geburtsplätzen hinauf. An diesen Orten legen die Weibchen ihre Eier ab und die Männchen befruchten sie. Für die meisten Tiere endet hier auch die Reise für immer. Ein Grossteil der ausgewachsenen Tiere stirbt nach der Laichwanderung an Erschöpfung.
Ausgestorbener Nutzfisch
Bis ins 20. Jahrhundert laichte der Lachs in den Zuflüssen des Rheins, so auch in der Schweiz. Gemeindewappen wie jenes des Dorfs Rümikon erinnern noch heute an die Bedeutung des Lachses. Nebst den drei Sternen, die für die Zugehörigkeit des Orts zum Kanton Aargau stehen, findet man auf dem blauen Wappen einen Lachs als Symbol für die Fischerei, die jahrhundertelang die wirtschaftliche Grundlage des Dorfs gewesen war.
Überfischung, Flusskorrektionen, Wasserkraftnutzung und Gewässerverschmutzung setzten dem Lachs Anfang des letzten Jahrhunderts zu, sodass er in der Schweiz ausstarb. Christian Hossli leitet das Projekt «Lachs Comeback» des WWF Schweiz und setzt sich so für die Rückkehr des Lachses ein. Im mittleren Einzugsgebiet des Rheins in Deutschland sei die Wiederansiedlung des Lachses bereits geglückt. «Damit es den Lachsen bei uns gut geht, brauchen wir in der Schweiz wieder vernetzte und vielfältige Gewässer», beschreibt er die Voraussetzungen für das Comeback des Fisches auch bei uns. Denn drei Wasserkraftwerke in Frankreich versperren nach wie vor den Weg des Lachses vom Meer hinauf zu den ursprünglichen Schweizer Laichplätzen. «Bei zweien der Kraftwerke hat der Bau von Fischtreppen begonnen. Bis spätestens 2026 sollten beide in Betrieb sein», berichtet Hossli. Der Zeitplan für das dritte Kraftwerk sei noch unklar, aber Hossli ist zuversichtlich, dass auch dieses bis 2027 für den Lachs und andere Fische durchgängig sein wird.
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Doch wie fänden Lachse ihren Weg zurück in die Zuflüsse des Rheins? «Um Lachse dauerhaft in der Schweiz wieder anzusiedeln, müssen die Fische in einem frühen Stadium in ihre ehemalige Heimatgewässer in der Schweiz ausgesetzt werden, sodass sie dort heranwachsen und sich zu gegebenen Zeiten auf den Weg ins Meer machen können», erklärt Christian Hossli. Um zu laichen, würden sie dann später in die Schweizer Gewässer zurückkehren. Dabei folgen sie wahrscheinlich dem Geruch, indem sie die exakte chemische Zusammensetzung des Geburtsflusses erkennen und ihm folgen.
Renaturierung als Schlüssel
Dank Revitalisierungen der Schweizer Gewässer würde der Lachs heute in vielen Flüssen des Mittellandes und der Alpennordseite wieder geeignete Laichplätze finden. Christian Hossli ist daher zuversichtlich: «In den Schweizer Gewässern stehen rund 250 Hektaren geeignetes Jungfischhabitat zur Verfügung. In den nächsten Jahren kommen hoffentlich noch weitere Lebensräume dazu.» Durch die Ansprüche des Lachses an vielfältige und vernetzte Gewässer profitieren auch andere Tiere von den Bemühungen, den Fisch in unser Land zurückzuholen. «Der Lachs dient als Gallionsfigur unserer Gewässer, die wir ganzheitlich aufwerten möchten. Davon profitiert das gesamte Gewässerökosystem», so Hossli.
Der Lachs gehört seit Langem zu den beliebtesten Speisefischen, ist durch das Fehlen in den Gewässern in der Schweiz jedoch nur als Importprodukt oder aus Zuchten erhältlich. Satte 14 000 Tonnen Lachs werden jedes Jahr in die Schweiz importiert. Sollte das Wiederansiedlungsprojekt jedoch Erfolg haben, so dürfte auch irgendwann wieder Schweizer Wildlachs auf den Tellern landen. «Grundsätzlich ist es denkbar, dass der Lachs in Zukunft auch wieder befischt werden darf. Dafür müsste sich aber zuerst wieder eine stabile und gesunde Population einstellen, und das dürfte sicher noch ein paar Jahre bis Jahrzehnte dauern.»
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Fischtreppen
Nicht ausschliesslich dem Lachs, auch anderen wandernden Fischen sind Stauwehre und Wasserkraftanlagen im Weg. Wanderhilfen wie die sogenannten Fischtreppen können den Tieren die Reise flussaufwärts ermöglichen. Dabei werden in der Regel die hohen Barrieren an einer Seite über mehrere kleine Stufen überwindbar gemacht. Die gesamte Höhen-differenz wird so in viele kleine Abschnitte unterteilt.
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Nachhaltiger Lachs aus Graubünden
In Lostallo, einem Ort im italienischsprachigen Teil Graubündens, züchtet die Swiss Alpine Fish AG Lachse. Die Zucht liefert nach eigenen Angaben jährlich 360 Tonnen und kann damit immerhin 2,5 Prozent des Schweizer Bedarfs an Lachs abdecken. Im Vordergrund steht dabei auch die Nachhaltigkeit. «Wir haben uns verpflichtet, die Auswirkungen der Aquakultur auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten», lässt die Firma verlauten. So würde die Anlage in Lostallo eine geschlossene Kreislauftechnologie verwenden, die den Wasserverbrauch und die Abwasserbelastung minimiere. Das Wasser wird siebenfach gefiltert und die nährstoffreichen Rückstände werden anschliessend zu Biogas verwertet. Um den natürlichen Bedürfnissen des wandernden Fisches gerecht zu werden, stehen den Lachsen Süss-, Brack- und Salzwasserbecken mit Strömungen zur Verfügung.
Zudem erhebt die Swiss Alpine Fish AG den Anspruch, dass ihre Fische ohne den Zusatz von Chemikalien und Antibiotika aufwachsen, um das Ökosystem nicht zu belasten. Rund ein Jahr dauert es, bis aus den Fischeiern etwa 150 Gramm schwere Junglachse geworden sind. Nach weiteren zehn bis zwölf Monaten haben sie das Zielgewicht von rund 3,5 Kilogramm erreicht. Die ausgewachsenen Fische werden dann elektrisch betäubt und durch einen Kiemenschnitt getötet, ein Prozess, der nur wenige Sekunden dauert. Und so entsteht ein Luxusprodukt. Ein Kilogramm Lostallo-Frischlachs mit Haut kostet aktuell 72 Franken, geräuchert 99 Franken. Kein Wunder landet der Fisch bisher primär in der gehobenen Küche. So erkochte sich der Grindelwalder Jungkoch Paul Cabayé mit einem Menü mit Lostallo-Lachs als Komponente 16 Gault-Millau-Punkte.
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