Der Tod gehört wie das Leben zur Natur. Im Kreislauf des Lebens ist er sogar essenziell. Dass viele Pilz- und Käferarten Totholz benötigen, ist hinreichend bekannt. Doch auch tote Tiere nehmen einen wichtigen Stellenwert im Nahrungsnetz ein. Während dort, wo man sie findet, Kadaver in der Schweiz noch rigoros weggeräumt werden, so macht der Biologe Christian von Hoermann in den deutschen Nationalparks genau das Gegenteil: Er legt tote Tiere in den Wald und schaut, was damit passiert.

«Die Biodiversität, die sich an einem Kadaver versammelt, ist enorm», berichtet von Hoermann von den ersten Resultaten des Projekts. «17 Wirbeltierarten, 92 Käferarten, 97 Zweiflüglerarten, 1820 Bakterien- und 3726 Pilzarten haben wir bisher an der toten tierischen Biomasse gezählt.» Mithilfe von automatisch auslösenden Kameras, Bodenfallen für Insekten und Abstrichen mit anschliessender genetischer Analyse untersuchte der Biologe mit seinem Team, was im Laufe der Zeit an den ausgelegten Rehkadavern frass. Dabei dauert es im Sommer nur sechs bis neun Tage, bis das Tier aufgezehrt ist und nur noch die Knochen übrig sind. Schuld daran sind primär die Schmeissfliegen. «Wenn man bedenkt, dass eine einzige Made während ihrer Entwicklung zwei Gramm Fleisch frisst und jede weibliche Fliege bis zu200 Eier legt, dann braucht es für ein knapp 20 Kilogramm schweres Reh lediglich50 Fliegen, deren Larven – vorausgesetzt, dass alle überleben – den Kadaver besiedeln», rechnet von Hoermann.

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Geier als Gesundheitspolizei

Dabei erledigen die Insekten oft nur den Rest. Grössere Tiere wie Fuchs, Luchs, Goldschakal oder verschiedene Geierarten machen sich ebenfalls an Kadavern zu schaffen. Gänsegeier sind sogar auf Aas als Nahrungsquelle angewiesen. Weder ihre Schnabelform noch ihr Gleitflug lassen das aktive Jagen eigener Beute zu. Sie müssen sich mit Tieren begnügen, die bereits tot sind. Besonders die inneren Organe sind für Gänsegeier interessant. Ihre Lebensweise brachte den grossen Vögeln allerdings keinen guten Ruf ein. Sie galten lange als Todesboten, als schmutzige und minderwertige Tiere. «Dabei verrichten Geier eine wichtige Arbeit», klärt Christian von Hoermann auf. «Dank ihres hervorragenden Sehsinns entdecken sie Kadaver sehr schnell und fressen sie innert kürzester Zeit auf.» So verhindern die Vögel die Ausbreitung von Seuchen und sind eine unverzichtbare Gesundheitspolizei. In die Schweiz verirren sich Gänsegeier nur selten. Bis in die 1980er-Jahre gab es lediglich einzelne Sichtungen. Dank eines Wiederansiedlungsprojekts in Frankreich überqueren die Vögel immer öfter auch die Grenze zur Schweiz. Heute sind Trupps von 50 und mehr Individuen im Sommer keine Seltenheit mehr.

Der Grund, warum Gänsegeier lange verfolgt und aktiv bejagt wurden, ist wahrscheinlich derselbe, warum in der Schweiz Tierkadaver auch in der Natur rigoros weggeräumt werden. «Der Mensch sieht sich nicht gerne mit dem Tod und damit mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert», sinniert auch Christian von Hoermann. Das resultiere in einen regelrechten Aufräumwahn. Dabei würden Kadaver sowieso nicht lange sichtbar sein. «Warum also zum Beispiel Rehe, die dem Strassenverkehr zum Opfer gefallen sind, nicht einfach ein paar Meter weiter in den Wald legen, statt sie zur Kadaversammelstelle zu bringen?», schlägt von Hoermann vor. Laut Schweizerischem Versicherungsverband kollidiert im Schnitt pro Stunde ein Auto mit einem Reh. Jährlich werden der Polizei und Wildhütern über 20 000 Unfälle mit grossem und mittelgrossem Wild gemeldet. Meistens gehen diese für die Tiere tödlich aus. Die Tiere einzusammeln, ist nicht nur ein grosser Arbeitsaufwand, sondern entfernt auch einen wichtigen Anteil an Biomasse aus der Natur. Durch den Zersetzungsprozessgelangen pro Quadratmeter bei einem ca. 30 kg schweren Kadaver vier Kilogramm Stickstoff in den Boden. «Das entspricht 100 Jahren Düngung für die umgebenden Pflanzen», so Christian von Hoermann.

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Die Schweiz mag es ordentlich

Tatsächlich würde in der Schweiz zumindest seitens des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen nichts dagegensprechen, tote Wildtierkörper in der Natur zu belassen. Die gesetzliche Grundlage dafür bildet die Verordnung über tierische Nebenprodukte (VTNP). Sie stellt sicher, dass tierische Nebenprodukte, so also auch Kadaver, die Gesundheit vonMenschen und Tieren sowie der Umwelt nicht gefährden. Zusätzlich hat die Verordnung zum Ziel, dass tierische Nebenprodukte so weit als möglich verwertet werden. Wörtlich ist darin zu lesen, dass «ganze Tierkörper oder Teile von frei lebenden Wildtieren, bei denen kein Verdacht auf Vorliegen einer auf Menschen oder Tiere übertragbaren Krankheit besteht […] nicht eingesammelt werden». Davon ausgenommen sind also momentan zum Beispiel Kadaver von Wildschweinen, da die Gefahr der Afrikanischen Schweinepest besteht.

Trotzdem werden auch gesunde tote Wildtiere eingesammelt. Warum erklärt Wildhüter Rudolf Zbinden: «Laut Jagdverordnung muss Fallwild, also alle toten, kranken oder verletzten Wildtiere und auch Teile davon, dem Wildhüter oder der Kantonspolizei gemeldet werden.» Sprich, wer beim Spazierengehen ein totes Wildtier entdeckt, sollte zum Telefon greifen. «Wenn ich nun ein totgefahrenes Reh einfach ein paar Meter weiter in den Wald legen würde, so kann ich sicher sein, dass ich fünf Minuten später einen Anruf von einem Jogger oder einem Hundebesitzer bekomme, dass da ein totes Reh liegt», so Zbinden. Um zu verhindern, dass das Telefon dadurch unnötig klingelt, sammeln er und seine Kollegen tote Wildtiere also ein und bringen sie in die Tierkörpersammelstelle.

Einzig in sehr abgelegenen Gebieten lässt Zbinden auch schon mal einen Kadaver für die Aasfresser liegen. «Aber selbst da muss ich damit rechnen, dass zum Beispiel der Fuchs Teile des Kadavers irgendwo hinschleppt, wo sie dann für jeden sichtbar herumliegen und ich deswegen ausrücken muss», erklärt Zbinden. Entsprechendmüssen sich die Schweizer Aasfresser jeweils beeilen oder sich mit kleineren Tieren begnügen.


Kadaverökologie im Garten

Schnell ist es passiert, dass ein Vogel sich an der Fensterscheibe das Genick bricht, oder die Katze vom Freigang Beute mit nach Hause bringt. Das tote Tierchen wird dann meist im Hausmüll oder Kompost entsorgt. Dabei wäre es nicht nur einfacher, sondern auch ökologisch sinnvoller, den Kadaver unter einen Busch zu legen. Ausserhalb jedermanns Sicht können die auf Aas angewiesenen Organismen hier ihre Arbeit verrichten, und innert weniger Tage ist der Kadaver verschwunden und der Garten an der Stelle gedüngt. Weniger empfindliche Naturinteressierte können während der kurzen Zeit zudem allerhand Käfer wie den Totengräber beobachten.

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