Melanie Alder ist diplomierte Permakultur-Designerin und Bäuerin mit Fachausweis. Im Verein Permakultur-Landwirtschaft ist Alder im Vorstand tätig und Co-Projektleiterin des Höfe-Netzes.

Frau Alder, Permakultur ist ein ziemlich dehnbarer Begriff. Was bedeutet er für Sie?

Permakultur ist eine soziale Bewegung, ein Gestaltungssystem, eine Weltansicht und eine Sammlung aus praktischen Methoden und Techniken. Sie möchte resiliente Agrarökosysteme schaffen. Praktische Ansätze sind kleinräumige Anbausysteme, eine hohe Vielfalt an Pflanzen und Strukturen, die Nutzung lokaler und natürlicher Ressourcen sowie die Kreislaufwirtschaft. Es gibt nebst unserem Verein auch den Verein Permakultur Schweiz, der diese Ansätze vor allem in urbanen Projekten umsetzt. Wir hingegen haben uns auf die Landwirtschaft spezialisiert.

Wie gut gelingt die Umsetzung auf landwirtschaftlichen Betrieben?

Jeder Hof – egal, wie konventionell er ist – hat Aspekte der Permakultur drin. Umsetzbar ist es also definitiv. Manche Betriebe gehen einen Schritt weiter und berücksichtigen bewusst möglichst viele der Prinzipien und entwickeln sie auf ihren Höfen weiter. Diese nehmen wir in unser Höfe-Netz auf.

Gibt es bestimmte Kriterien, die ein Hof erfüllen muss, um in dieses Netz aufgenommen zu werden?

Es gibt Betriebe, die wir kontaktieren, da sie mit dem Begriff Permakultur arbeiten. Andere Betriebe kommen auf uns zu, weil sie sich Sichtbarkeit ihres Betriebs auf unserer Karte wünschen. Dann machen wir einen Hofbesuch. Dabei ist es wichtig, herauszuhören, dass sich die Menschen ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen. Es geht nicht darum, möglichst viel Mischkultur zu haben. Die Frage ist, weshalb machen sie eine Mischkultur an diesem Standort?

Was sind die grössten Herausforderungen für die Höfe?

Die sehe ich in den Strukturen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben. Es sind immer weniger Menschen in der Landwirtschaft tätig, und die Anzahl Landwirtschaftsbetriebe sinkt. Permakultur wird oft auf kleinen Höfen angewendet, die von mehreren Leuten geführt werden. Die aktuellen Gesetze hingegen fördern grosse Betriebe. Diese Entwicklung zu durchbrechen, sehe ich als grosse Herausforderung.

Braucht es generell mehr Arbeitskräfte, je naturnaher man anbauen möchte?

Ja, oft ist das der Fall. Es gibt aber auch andere Wege, die stärker auf Technologie ausgerichtet sind. Was derzeit sehr stark aufkommt, sind Selbsterntebetriebe und solidarische Landwirtschaft. Beide haben das Ziel, dass die Kundschaft selbst einen Teil zur Landwirtschaft beiträgt.

Kann die Landwirtschaft auf diese Weise zum Trend-Hobby werden?

Man stelle sich vor, welch positive Folgen das haben könnte, wenn Menschen wieder mehr mit den Lebensmitteln in Kontakt kommen und den Prozess erleben, wie etwas wächst und sie sich draussen bewegen. Genau das fehlt derzeit ein Stück weit in unserer Gesellschaft.

Wie viele Betriebe Ihres Höfe-Netzes arbeiten mit Freiwilligen?

Es gibt einige Höfe, die mit Freiwilligen arbeiten. Andere schliessen dies bewusst aus, weil sie nicht darauf angewiesen sind, oder ihnen das nicht zusagt. Ich habe selbst auf einem Betrieb mit vielen Freiwilligen gearbeitet. Wir haben immer versucht, die Arbeiten möglichst an die Interessen anzupassen und einen Lerneffekt zu ermöglichen. So gab es einen guten und fairen Austausch.

Der Verein Permakultur-Landwirtschaft wurde vor zehn Jahren gegründet. Was waren die bisher wichtigsten Meilensteine?

Ein grosser Meilenstein war die Einführung des Bodenflächencodes 725. Damit können Permakultur-Flächen offiziell angemeldet werden. Zuvor musste man sie als Weide-, Acker- oder Obstbaufläche melden. Seit 2020 kann man nun auch für Mischkulturen Direktzahlungen beziehen. Dafür muss die Fläche jedoch mindestens 50 Prozent Spezialkulturen enthalten. Ebenso wichtig: Unsere Kompetenzplattform hat sich mit Unterstützung der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaft HAFL zu einer richtigen Wissensbibliothek entwickelt. Dafür erhielten wir Gelder vom Bundesamt für Landwirtschaft BWL und von diversen Stiftungen. Auch der Verein und das Höfe-Netz wachsen stetig. Neu dazugekommen sind regionale Permakultur-Arbeitskreise von ProBio, in denen sich die Betriebe gegenseitig besuchen und austauschen können.

Seit Ihrer Vereinsgründung ist «Permakultur»immer bekannter geworden. Wie geht die Entwicklung weiter?

Ich denke, die Landwirtschaft wird sich stark verändern. Wetterextreme und Bodenerosion zwingen uns auch etwas dazu. Ich würde mir natürlich wünschen, dass sich jeder Hof den Begriff «Permakultur» zu Herzen nimmt. Dieser Begriff passt aber vielleicht nicht zu jedem. Das verstehe ich auch. Es gibt viele andere Begriffe, die Ähnliches meinen wie Agrarökologie, regenerative oder syntropische Landwirtschaft. Entscheidend ist das ganzheitliche Denken – es gibt uns die Lösungen, die wir brauchen.