Felines Immundefizienz-Virus
Leben mit «Katzen-Aids»
Das Feline Immundefizienz-Virus (FIV) ist ein Virus, das bei Katzen eine Immunschwächekrankheit auslöst, umgangssprachlich auch «Katzen-Aids» genannt. Wie hoch das Risiko ist und was eine Infektion für Tier und Besitzer bedeutet, erklärt Solène Meunier, Oberärztin am Tierspital Zürich.
Frau Meunier, welche Katzen sind besonders vom Felinen Immundefizienz-Virus (FIV) betroffen?
Wir stellen fest, dass vor allem männliche Katzen positiv für FIV sind. Kater haben demnach ein etwa 4,7-mal höheres Risiko als Kätzinnen, sich mit dem Virus zu infizieren. Auch chronisch kranke Tiere haben ein erhöhtes Risiko an FIV zu erkranken, da ihr Immunsystem das Virus weniger gut abwehren kann. Die Übertragung erfolgt vor allem über Bissverletzungen, weswegen hauptsächlich Freigänger und natürlich wild lebende Katzen betroffen sind. Die Viruskonzentration ist im Speichel besonders hoch. Experimentell hat man nachgewiesen, dass FIV auch von der Mutter auf die Kitten übertragen werden könnte, über die Plazenta, bei der Geburt oder über die Milch. Wichtig ist auch, die Übertragung via Blut im Auge zu behalten, da Bluttransfusionen heute häufiger zum Einsatz kommen als noch vor einigen Jahren.
Wie weitverbreitet ist die Krankheit in der Schweiz?
Am Tierspital Zürich sehen wir mit etwa fünf betroffenen Katzen pro Jahr sehr wenige Fälle von FIV. Allerdings ist es schwierig, davon auf die ganze Schweiz zu schliessen, da wir vor allem überwiesene Fälle bekommen. Viele Katzen, die von Privattierärzten diagnostiziert wurden und eine gute Prognose haben, werden uns nicht vorgestellt. In einer Studie aus dem Jahr 1990 hat man das Blut von rund 1400 Hauskatzen untersucht, wovon mehr als die Hälfte Krankheitsanzeichen hatten. In 0,7 Prozent der gesunden Katzen und in 3,4 Prozent der kranken Tiere wurde FIV nachgewiesen. Andere Zahlen gehen davon aus, dass etwa 1,7 Prozent der gesund aussehenden Katzen FIV-positiv sind. Grundsätzlich ist es natürlich schwierig, zu sagen, wie häufig das Virus tatsächlich ist, da nicht alle betroffenen Katzen Krankheitsanzeichen haben, viele der infizierten Tiere wild sind und das Virus erst entdeckt wird, wenn ein hinreichender Verdacht besteht und darauf getestet wird.
Bei welchen Symptomen besteht denn der Verdacht, dass eine Katze das Virus trägt?
Grundsätzlich sollte jede kranke Katze mittels Schnelltest untersucht werden. Wichtige klinische Symptome sind Lethargie, Fieber, blasse Schleimhäute, Entzündungen der Mundschleimhaut (Stomatitis), Durchfall, Muskelabbau, neurologische Auffälligkeiten sowie allgemeine Anfälligkeit für Infektionen. Wie man sieht, sind die Symptome sehr unspezifisch und können auch bei anderen Erkrankungen vorkommen. Mit einem Schnelltest kann man mit guter Sicherheit ausschliessen, dass FIV im Spiel ist, jedoch natürlich nie zu 100 Prozent. Ist der Test positiv, so muss dieser mit einem zweiten Test bestätigt werden.
Und wenn der zweite Test auch positiv ist und ich somit weiss, dass meine Katze FIV hat, was muss ich beachten?
Betroffene Katzen dürfen keinen Auslauf mehr haben, einerseits zum eigenen Schutz gegen Infektionen, andererseits damit sie keine weiteren Katzen anstecken. Sollte die Katze noch nicht kastriert sein, ist dies zu empfehlen. Gute Hygienemassnahmen zu Hause sind das A und O, auch wenn sich Menschen und andere Haustiere nicht mit dem Virus anstecken können. Von einer Fütterung mit Rohfleisch raten wir zum Beispiel ab, damit keine Keime übertragen werden können, die das ohnehin geschwächte Immunsystem der Katze belasten könnten. Auch Impfungen gegen andere Krankheiten sollten nur mit inaktiven Impfstoffen erfolgen. Grundsätzlich sollte man bei Anzeichen einer Krankheit schnell reagieren und das Tier einem Tierarzt vorstellen, da oft auch eine intensivere und längere Behandlung nötig ist als bei nicht infizierten Katzen.
Muss ich Angst haben, dass meine Katze weniger alt wird?
Bisher geht man nicht davon aus, dass FIV-positive Tiere eine geringere Lebenserwartung haben als Katzen ohne das Virus. Sobald jedoch die terminale Erkrankung, umgangssprachlich «Katzen-Aids» genannt, ausbricht, haben die Katzen typischerweise noch etwa ein Jahr. Die Anzeichen dafür sich ähnlich wie durch das HIV ausgelöste Aids beim Menschen: häufige Infektionen, vermehrte Tumorbildung (Neoplasie), verminderte Blutbildung im Knochenmark (Myelosuppression) und neurologische Symptome. Leider erkennen wir eine Infektion mit dem Virus meist erst in dieser Phase, weil vorher nicht darauf getestet wird.
Gibt es Medikamente, die ähnlich wie bei HIV die Virenlast reduzieren können?
So weit wie in der Humanmedizin, wo in den letzten Jahren eine kombinierte antivirale Therapie der Standard geworden ist, sind wir leider noch nicht. Es gibt ein paar antivirale Medikamente, allerdings mit wenig Angaben in der Literatur zu den Erfolgschancen bei natürlich infizierten Katzen und mit vielen Nebenwirkungen. Es wird deswegen in jedem Fall individuell mit dem Besitzer besprochen, wie weit mit der Therapie gegangen werden soll. Wir empfehlen aber auf keinen Fall, eine Katze nur anhand eines positiven Schnelltests zu euthanasieren, denn sie kann noch lange ohne Symptome ein glückliches Leben führen.
Wie gross ist die Hoffnung, dass es bald einen Impfstoff gegen FIV geben wird?
2002 wurde ein FIV-Impfstoff in den USA verwendet, der ist heute jedoch nicht mehr erhältlich. Serologische Tests konnten nicht zwischen Impfung und natürlicher Infektion unterscheiden, und die Impfung bot nur einen geringen Schutz vor einer Ansteckung. Darum müssen wir wohl noch eine Weile auf eine bessere Alternative warten.
FIV-positive Katzenadoptieren
Der Verein «Handicapcats» vermittelt unter anderem FIV-positive Katzen in ein schönes Zuhause. Viele der Tiere führen ein völlig normales Leben und zeigen keine Krankheitsanzeichen. FIV-positive Katzen werden einzeln, zu zweit oder zu einer anderen positiven Katze vermittelt, um die Ansteckung einer nicht betroffenen Katze zu vermeiden. Auch Katzen mit anderen Handicaps, wie Amputationen, Ataxie, Inkontinenz oder schlicht einem reiferen Alter, werden über den Verein vermittelt. Alle Tiere können auf der Website des Vereins kennengelernt werden.
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