Wer viel draussen unterwegs ist, kennt die Situation: Schon von weitem ist der Hofhund zu hören, der lauthals die Ankunft eines Eindringlings ankündigt. Das Bellen klingt nicht gerade freundlich – kein Wunder. Denn es ist ja auch sein Territorium, das hier gerade von einer unbekannten Gefahr betreten wird. «Hofhunde haben einen Job», erklärt Hundeprofi Oliver Weber. «Und je nachdem, wie ernst sie diesen nehmen, kann es gefährlich werden, wenn man gewisse Dinge nicht beachtet.» Was diese Dinge sind, lehrt der Verhaltensexperte unter anderem in Einzelcoachings für den Umgang mit Hofhunden. Denn mit diesem bekunden viele Menschen Probleme.

Für Hofhunde, die sich als Wach- und Schutzhunde sehen, sind Drohgebärden bis zu einem gewissen Grad normal. Idealerweise seien diese entspannt zu ignorieren, rät der Coach. «Das heisst: Nicht anschauen, nicht ansprechen und auch nicht anfassen.» Was nicht sonderlich einfach klingt, soll den Hofhund möglichst nicht auf die Idee bringen, näher zu treten. Eine visuelle Fixierung kann für einen Hund bereits respektlos oder gar drohend wirken. Deshalb sind Passanten am besten beraten, wenn sie sich auf den Weg konzentrieren und Hofhunde nur im Augenwinkel beobachten. Werden die Drohungen aggressiver, langsamer werden, Abstand nehmen oder kurz stehenbleiben. Das gelte auch für Velos, wie Weber betont. «Beschleunigen ist kontraproduktiv und könnte den Jagdinstinkt des Hundes wecken», erklärt er. «Stattdessen absteigen und das Velo dazwischenschieben.» Auch eine Tasche oder ein Rucksack könne hier als natürliche Blockade wirken. So bekommt der Vierbeiner die Möglichkeit, in Ruhe zu schnuppern und den Menschen einzuschätzen. Nimmt der Hofhund etwas Abstand, ist der Weg freigegeben. 

Sichere Begegnung mit fremden Hunden• Dem Hund die Chance geben, sich selbst zu nähern
• Hund beobachten → Ist er muskulär und emotional entspannt?
• Besitzerin oder Besitzer fragen, ob man streicheln darf
• Fluchtweg für den Hund ermöglichen, falls es auf einmal doch zu viel wird

Weber vergleicht die Situation mit einer Landesgrenze: «Wenn man beim Zollbeamten das Gaspedal durchdrückt, anstatt anzuhalten, fühlt er sich auch übergangen Wer anhält, zollt dem Hofhund stattdessen seinen gebührenden Respekt. Wenn der Vierbeiner das Gefühl hat, sein Territorium aktiv verteidigen zu müssen, ist man in der Regel zu nah dran. Wenn möglich also stets eine gesunde Distanz einhalten und keine hektischen Bewegungen machen. «Wenn man sich ruhig verhält und der Hund sieht, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht, beruhigt er sich in der Regel schnell», erklärt Weber. Wer die eigene Angst hochschaukeln spürt, muss diese nicht verstecken. «Der Hund nimmt die Angst ohnehin über die Ausdünstung von Stresshormonen wahr», so der Coach. Allein deswegen werde der Vierbeiner aber nicht aggressiver. «Wer schauspielert, könnte ihn jedoch verunsichern.» Da es nicht immer einfach ist, die eigene Panik zu kontrollieren, macht Weber in seinen Kursen auch Mentaltraining. «Es hilft ausserdem, zu überlegen, wo ich mich gerade befinde», rät der Coach. «Führt ein Wanderweg am Hof vorbei oder hat es da ein Restaurant, kann man davon ausgehen, dass der Hund harmlos ist, da er fremde Menschen gewohnt ist.»

Training für Hausbesuche

Keine Eindringlinge gewohnt sind hingegen viele Hunde in Wohnungen. Da sich die Beissvorfälle bei einer Servicetechnikfirma häuften, wurde Oliver Weber auch schon für firmeneigene Schulungen gebucht. «Es kommt vor, dass Servicetechniker zu einem Einsatz gerufen werden, der Besitzer ist nicht zuhause, aber zwei Hunde warten in der Wohnung», erzählt Weber. «Das ist etwa das Schlimmste, was dir passieren kann.» Auch da gilt die Regel: Von Anfang an Distanz schaffen und die Hunde schnuppern lassen.

Nur ein Warn-Schnapper?Auch ein Schnapper ist im ersten Moment ein Schock, wird vom Hund aber wohl dosiert eingesetzt und gilt als letzte Warnung, dass ihm etwas nicht passt. Solche Schnapper können bei pubertierenden Hunden auch mal beim Spielen vorkommen.
Wenn Hunde jedoch mit der Absicht zubeissen, möglichst viel Schaden anzurichten, ist das eine andere Sache. Solche Tiere sind unter Umständen nicht mehr resozialisierbar.

Dieser Ratgeber lässt sich auch im Privatleben bei der Begegnung mit einem fremden Hund anwenden. Denn auf diese Weise kann er selbst entscheiden, ob er näherkommen will, um gestreichelt zu werden. Es sei ein weit verbreiteter Irrglaube, dass alle Hunde unsere Zuneigung möchten, betont Oliver Weber. «Das sind alles eigene Charaktere, die ihre Geschichte mitbringen.» Wie ein Mensch habe auch jeder Hund eine sogenannte Individualzone, in welcher es ihm wohl ist. «Wir Menschen sind sehr schnell mit den Händen beim Hund», weiss Weber. «Unter Umständen kann dies für ihn bedrohlich wirken. Vor allem, wenn die Hand von oben kommt.» Ein häufiger Fehler sei, bei einem fremden Hund dieselbe Reaktion zu erwarten wie bei einem Hund aus dem Bekanntenkreis. «Dann geht man zu direkt, zu konfrontativ und zu nah an ihn heran», so der Coach. «Wir sehen immer wieder Unfälle oder gefährliche Situationen, wenn Menschen unbedacht auf fremde Hunde zugehen, ohne den Besitzer zu fragen, ob das für den Hund auch okay ist.»

Bisse aus dem Nichts

Wer einen fremden Hund streicheln will, sollte auch darauf achten, dass dieser einen Fluchtweg hat, falls es ihm auf einmal zu viel wird. Ansonsten bleibt ihm nur die Flucht nach vorne. Und dabei könne es scheinbar ganz ohne Vorwarnung zu einem Biss kommen. «Es gibt viele Hunde, die kaum Eskalationsstufen zeigen», weiss Weber. Vorkommen könne das, wenn ihnen das soziale Umfeld fehle, um Drohgebärden zu lernen oder diese wegtrainiert wurden. «Das ist brandgefährlich», mahnt Oliver Weber. «Ohne dieses Vorwarnsystem denkt man, der Hund ist einem wohlgesinnt und plötzlich hat man Bisswunden an den Händen oder Beinen.» Bei Hunden ohne Drohgebärden sind es nur kleinste Kopfbewegungen, die auf ein Unwohlsein hindeuten. Eine Reaktion, die von Laien bei fremden Hunden kaum erkennbar sei. «Bei Hunden mit kurzem Fell sieht man jede Anspannung sofort, haben sie aber ein langes Fell, ist es beinahe unmöglich», erklärt Weber. Zudem komme es vor, dass die Hunde nicht einmal selbst wissen, was sie wollen. «Wir sehen immer wieder Hunde, die vorne drohen, aber mit dem Schwanz wedeln», so der Coach. «Einerseits will er Kontakt, andererseits ist er verunsichert.» Solche Fälle zeigen, wie wichtig es ist, den Hund aufmerksam von vorne bis hinten zu beobachten Oftmals sei auch das eigene Bauchgefühl ein guter Ratgeber, empfiehlt Weber. Und im Zweifelsfall immer einen Schritt zurücktreten.