Der Mensch ist erst seit relativ kurzer Zeit auf unserem Planeten unterwegs. Würde man die Erdgeschichte auf einer Uhr darstellen, wären wir gerade mal vor einer Minute aufgetaucht. Lange Zeit lebte der Homo sapiens als Nomade, bevor er regional im Epipaläolithikum vor 20 000 Jahren begann, sesshaft zu werden. Die ersten Bauwerke aus bearbeitetem Stein wurden wahrscheinlich vor rund 5000 Jahren errichtet, solche aus Lehm bereits 4000 vor Christus. Dieses Wissen verdanken wir archäologischen Funden, die unter der Natur begraben und so zumindest teilweise erhalten wurden. Auch viele neuzeitliche Bauwerke fallen der Natur zum Opfer, sobald sie verlassen werden. Solche «Lost Places», Orte, die in Zeiten nach der Industrialisierung zurückgelassen wurden und langsam verfallen, sind heute ein beliebtes Fotomotiv.

Dabei bewegen sich die Besucherinnen und Besucher zwischen rechtlicher Grauzone und Illegalität. Wer ein fremdes Grundstück ohne Erlaubnis betritt, begeht schliesslich Land- bzw. bei Gebäuden Hausfriedensbruch. Und nicht jeder nimmt nur Fotos als Erinnerungen mit. Viele der Gebäude fallen dem Vandalismus und Materialdiebstahl zum Opfer, da sie den Anschein erwecken, niemandem zu gehören und daher frei verfügbar zu sein. Rund um den Besuch von verlassenen Orten hat sich eine Community, die «Urban Explorers» gebildet, deren Kodex beinhaltet, keine Adressen von Entdeckungen preiszugeben, um genau solche Zerstörungsaktionen zu verhindern. Auch wir stellen hier nur allgemein bekannte, internationale Orte vor. Lost Places in der Schweiz werden entweder streng geheim gehalten oder kurz nach dem Bekanntwerden abgerissen. Weltweit gibt es jedoch einige spektakuläre Orte, zum Teil mit dunklen Vergangenheiten und geschichtsträchtigem Erbe.

Hashima, Japan

Von der kleinen japanischen Insel Hashima aus wurde ab 1887 unterseeischer Kohleabbau betrieben – und verhalf 1916 dem Mitsubishi-Konzern zur Blüte. Im Zuge dessen entstand Japans erstes mehrstöckige Wohngebäude aus Stahlbeton. Die Insel beherbergte bald über 5200 Arbeiter mit ihren Familien. Im Zweiten Weltkrieg schufteten hier stattdessen chinesische und koreanische Zwangsarbeiter; 1300 von ihnen starben. Mit einer Länge von 480 Metern und einer Breite von 160 Metern beträgt die Fläche der Insel gerade mal 6,3 Hektaren. 1959 wurde hier mit 83 476 Einwohnern pro Quadratkilometer die weltweit höchste Bevölkerungsdichte aufgezeichnet. Für jeden Arbeiter standen lediglich 10 Quadratmeter, für Familien das Doppelte zur Verfügung. Doch nach der Energiereform wurden 1974 die Kohlewerke stillgelegt und die Menschen verliessen die Insel im selben Jahr. Da aber Platzmangel auf den Booten herrschte, wurden persönliche Gegenstände auf der Insel zurückgelassen. Hashima gilt heute in Japan als Mahnmal der rücksichtslosen Industrialisierung. Seit 2015 ist sie Unesco-Welterbe.

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Kyrkö Mosse, Schweden

Mitten im Wald nahe der schwedischen Ortschaft Ryd findet man einen etwas anderen verlassenen Ort: einen Autofriedhof. Nach jahrelanger Torfgewinnung widmete sich der Besitzer des Gebiets der Verwertung ausgedienter Autos. Die Wracks liess er danach im Wald liegen. 1992 zog er in ein Altersheim und hinterliess mit den Autoteilen ein umwelttechnisches Problem. Nach langen Debatten entschieden sich die Behörden aufgrund des kulturhistorischen Werts der Altautos, das Gebiet unter Schutz zu stellen und dem – so hoffte man – natürlichen Zerfall zu überlassen. Die Wracks fielen seitdem Plünderungen und Vandalismus zum Opfer, der mit dem erhöhten Bekanntheitsgrad durch verschiedene Medienberichte im Zuge der Debatte um das Schicksal des Ortes einhergeht. Das Areal ist für jedermann zugänglich und unbewacht, sodass fraglich ist, wie lange der Autofriedhof noch besteht.

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Consonno, Italien

Consonno, ein Ort in der Lombardei, ist ein wahres El Dorado für Fans von Lost Places. 1963 kaufte ein italienischer Unternehmer das zuvor unscheinbare Städtchen und versuchte es zu einem touristischen Anziehungspunkt zu machen, quasi dem italienischen Pendent zu Las Vegas. Nach dem Abriss vieler der alten Gebäude sollten nebst Luxushotels, Bars und Nachtclubs sowie Tennis- und Golfplätzen sogar ein Zoo und obendrein auch noch ein Vergnügungspark entstehen. Alle Bewohner mussten für das gigantische Bauvorhaben die Stadt verlassen. Doch 1976 begrub ein Erdrutsch die Zufahrtsstrasse und beendete die grossen Pläne. Seitdem ist der Ort eine der Geisterstädte Italiens und wurde durch zahlreiche Partys komplett verwüstet. Man kann Consonno auch heute noch besuchen, muss allerdings den letzten Kilometer dorthin zu Fuss gehen.

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Beelitz-Heilstätten, Deutschland

Auf einer Gesamtfläche von rund 200 Hektaren stehen in Beelitz 60 Gebäude, die zwischen 1898 und 1930 als Arbeiter-Lungenheilstätten errichtet worden waren und seinerzeit zu den modernsten Kliniken der Welt zählten. Hier wurden Lungenkrankheiten sowie im Ersten und Zweiten Weltkrieg verwundete Soldaten behandelt. 1945 wurde das Gelände von der Roten Armee übernommen und bis 1994 von den Russen als grösstes Militärhospital im Ausland betrieben. Viele der im Krieg zum Teil schwer beschädigten Gebäude blieben jedoch leer und fielen zunehmend dem Vandalismus und Materialdiebstahl zum Opfer. Trotzdem dient die Heilstätte regelmässig als Kulisse für Film- und Fotoproduktionen, und man kann sie im Rahmen von geführten Touren besichtigen. Sich aber auf eigene Faust in die maroden Häusern zu begeben und diese zu erkunden, ist keine gute Idee, was zwei tragische Unfälle mit einem Schwerverletzten und einem Todesopfer im Jahr 2010 gezeigt haben.

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Prypjat, Ukraine

Traurige Berühmtheit erlangte die mit dem Bau des Kernkraftwerks Tschernobyl gegründete Stadt Prypkat im Norden der Ukraine, als sie infolge des Reaktorunglücks 1986 geräumt werden musste. Da die Bewohner im Glauben gelassen wurden, bald wieder nach Hause zu können, liessen viele all ihre Habseligkeiten zurück. Unter den betroffenen 49 ​360 Menschen befanden sich 15 500 Kinder, was man noch heute am Rummelplatz mit Riesenrad und Autoscooter erkennen kann. Zu dessen Eröffnung kam es wegen der Reaktorkatastrophe jedoch nicht mehr. Mitte 2011 öffnete das Gebiet rund um Tschernobyl für den Tourismus, und Prypjat wurde einerseits zum Sinnbild der Anti-Atomkraft-Bewegung, andererseits zum beliebten Reiseziel für Extremtouristen. Während des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 befand sich die heute noch unbewohnbare Stadt zeitweilig in der Hand russischer Streitkräfte. Ihr zukünftiges Schicksal ist somit unbekannt.

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Kayaköy, Türkei

Kayaköy wurde im 18. Jahrhundert unter dem griechischen Namen Levissi gegründet. Nachdem ein Erdbeben und ein auch Feuer die nahe Hafenstadt Fethiye fast vollständig zerstörten, zogen viele Menschen in das Städtchen, welches bald 20 000 Einwohner zählte. Die meisten von ihnen waren griechisch-orthodoxe Christen, und das Zusammenleben mit ihren ottomanischen Nachbarn verlief grösstenteils harmonisch. Doch unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg kam es zur Auseinandersetzung zwischen Griechenland und der heutigen Türkei, als dessen Folge die griechischen Bewohner dann aus Levissi vertrieben wurden. Die ihrerseits aus Thessaloniki geflohenen Türken siedelten sich unterhalb der Stadt an, so lag das jetzige Kayaköy brach. Heute ist es ein Museumsdorf und steht unter Denkmalschutz. Als Andenken an das friedliche, beispielhafte Zusammenleben der Kulturen hat die Unesco Kayaköy zum «World Friendship and Peace Village» («Welt-Freundschafts-und-Friedens-Dorf») erklärt.

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Kolmanskop, Namibia

Zehn Kilometer östlich der Hafenstadt Lüderitz liegt mitten in der namibischen Wüste die Geisterstadt Kolmanskop (Kolmannskuppe). 1908 wurden hier bei Bauarbeiten für eine Eisenbahnlinie zufällig Diamanten entdeckt, was einen wahren Boom im ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika auslöste. Trotz der trostlosen und lebensfeindlichen Umgebung lebten hier bald bis zu 400 Menschen in nach deutschem Vorbild errichteten hochherrschaftlichen Steinhäusern. Die Blütezeit war schnell vorbei, als 1930 die Diamantenfelder abgebaut waren. Die Bewohner verliessen Kolmanskop beinahe fluchtartig und überliessen den Ort der Wüste. Heute kann man das Dorf nur mit einer entsprechenden Bewilligung und gegen ein Entgelt von 145 namibischen Dollar (ca. 9.40 Franken) betreten.

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Ta Prohm, Kambodscha

In den TempelanlageIn «Rajavihara», im Gebiet von Angkor im 12. und 13. Jahrhundert errichtet, wurden weit über 250 Götter und Göttinnen verehrt. 12 000 Mönche sollen innerhalb der Mauern gelebt haben, umgeben von meterhohen Türmen. Nach dem Ende des Khmer-Reichs wurde der Tempel im 15. Jahrhundert verlassen und zerfiel im Laufe der Zeit. Während in der Neuzeit viele andere Tempelanlagen in Kambodscha restauriert wurden, blieb Ta Prohm in seinem halb zerfallenen Zustand bestehen. Heute können Besucherinnen und Besucher die eindrucksvollen Würgefeigen (Ficus virens) und den Baum Tetrameles nudiflora bestaunen, welche diese Tempelanlagen mit ihren Wurzeln erobern. Und seit 1992 ist Ta Prohm Teil des Unesco-Welterbes. Obwohl die Stätte viel älter ist als die meisten als Lost Places geltenden modernen Ruinen, steht sie doch sinnbildlich für die Zurückeroberung durch die Natur.

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