UNESCO-Erbe
Lebendige Traditionen der Schweiz
Die Schweiz pflegt eine Vielzahl von Jahrhunderte alten Traditionen. Solche immateriellen kulturellen Erbgüter, die von der UNESCO anerkannt wurden, haben oft etwas mit der Natur zu tun. Wir stellen einige dieser «Lebendigen Traditionen» vor.
Wildheuen in der Zentralschweiz
Die bergigen Regionen der Zentralschweiz beherbergen Hänge, die weder mit Vieh beweidet noch gedüngt oder sonstwie im grösseren Stil gepflegt werden können. Hier steigen während den Sommermonaten traditionell Männer von den Bergtälern hinauf, um Gras für die Heuproduktion mit Sensen zu schneiden. Der Abtransport erfolgt über eigens installierte Heu-Seile, über die die Bündel («Burdenen» oder «Pinggel» genannt) mit bis zu 100 Stundenkilometer ins Talsausen. Ein Drittel der durchs Wildheuen genutzten Flächen befinden sich im Kanton Uri, der Rest in den Kantonen Ob- und Nidwalden sowie Schwyz.
Kastanien im Graubünden und Tessin
Kastanienhaine, die sogenannten Selven, sind in der italienischsprachigen Schweiz ein Kulturerbe von ganz besonderem ökologischem und landschaftlichem Wert. Kastanien spielen zudem seit Jahrhunderten in der regionalen Ernährung eine wichtige Rolle. Traditionelle Dörrmethoden und die eigens zum Zweck der Aufbewahrung errichteten kleinen Gebäude werden heute wieder gezeigt und das Kulturgut gepflegt. In vielen Städten finden zudem in Herbst Veranstaltungen rund um Kastanien und die gerösteten Marroni statt. Die zahlreichen Marroniverkäufer gehören im Herbst und Winter zum Stadtbild in der ganzen Schweiz.
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Kirschenanbau in Zug
Der Kirschbaum ist ein typischer Hochstammbaum für den Kanton Zug. Seit dem 17. Jahrhundert werden hier Kirschkulturen gepflegt und «Chriesi»-Märkte veranstaltet. Insbesondere das Brennen von Kirschen zu Schnaps hat im Zentralschweizer Kanton eine lange Tradition, nicht zuletzt mit der Gründung der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» 1870. Die Zuger Kirschtorte des Konditors Heinrich Höhn erfreut sich schweizweit grosser Beliebtheit. Die Herstellung des feinen Gebäcks benötigt alleine jedes Jahr 15 000 Liter Kirschwasser. Die gesamte Region produziert jährlich 60 000 Liter Kirsch, an deren Produktion nicht nur industrielle Destillerien, sondern auch zahlreiche bäuerliche Brennereien beteiligt sind.
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Schwimmen im Rhein und in der Aare
Mit den jährlich zunehmenden Durchschnittstemperaturen erfreut sich das traditionelle Schwimmen in den Schweizer Gewässern jeden Sommer grosser Beliebtheit. Insbesondere der Rhein bei Basel und die Aare im Kanton Bern sind dafür bekannt, bei heissen Temperaturen wahre Magnete für Erfrischungswillige zu sein. Ein entscheidender Faktor ist dabei die Sauberkeit des Wassers, welche insbesondere beim Aareschwimmen im Vergleich ein weltweites Kuriosum ist. Das «Zwibeleschwimmen» im Spätherbst in der Aare sowie das Basler Rheinschwimmen im Sommer gehören zu den jährlichen regionalen Highlights für Jung und Alt.
Zentralschweizer Wetter- und Klimawissen
Dass sich die Zentralschweizer oft selber zu helfen wissen, zeigen die zahlreichen Bauernregeln zum Wetter. Bis heute lassen sich viele Landsleute nicht davon abhalten, aufgrund ihrer eigenen Beobachtungen Prognosen zu Wetter und Klima zu stellen. Dabei stützen sie sich auf jahrhundertealtes Wissen um Flora, Fauna und Naturphänomene. Schriftlich festgehalten wurden die Prognosen historisch nicht nur als saisonale Weisheiten in Volkskalendern, sondern zum Teil auch akribisch in «Wetterbüechli» in mancher Schweizer Stube.
Genfer Botanik
Ein Baum spielt in einer Genfer Tradition eine grosse Rolle: Seit 1818 wird jedes Jahr der Tag verzeichnet, an dem sich die erste Blattknospe des Kastanienbaums von La Treille öffnet und somit den Frühling ankündigt. Die Region zeichnet sich durch eine aussergewöhnliche Verbundenheit mit der Welt der Pflanzen aus, deren Gründung des Botanischen Gartens in Genf 1817 den Grundstein intensiver botanischer Forschung setzte. Die Stadt Genf besitzt heute die weltweit fünftgrösste Sammlung von Herbarien, eine der drei bedeutendsten systematischen Bibliotheken für Botanik und ist zur «Stadt der Parks» geworden.
Obstbau und -verarbeitung im Thurgau
Der Kanton Thurgau ist besonders für seine Obstbäume bekannt, der als wichtigster Apfelproduzent der Schweiz den Spitznamen «Mostindien» verdient hat. Dabei werden die runden Früchte praktisch ausschliesslich von bäuerlichen Familienbetrieben angebaut. Früher hat man hauptsächlich Hochstammbäume gepflanzt, insbesondere auf dem Scheitel von Hochäckern, wofür sich das Thurgauer Klima besonders eignet. Heute werden hauptsächlich Niederstammplantagen betrieben, und die Hochstammbäume dienen der Selbstversorgung der Bauernfamilien.
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Kräuterwissen in Zentralschweizer Klöstern
Klösterliche Kräutergärten spielten während des Mittelalters als Lieferanten der Zutaten allerhand Arzneien eine grosse Rolle im abendländischen Medizinalwesen. In der Zentralschweiz sind es insbesondere Frauenkonvente, die bis heute das Wissen und die Praxis des Pflanzens, Erntens und Verarbeitens von Heilkräutern pflegen. Insgesamt elf Frauenklöster in den Kantonen Luzern, Ob- und Nidwalden, Schwyz, Uri und Zug besitzen noch heute von Schwestern verschiedener Orden gepflegte Kräutergärten.
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