Assistenzhund für Diabetiker
Tara schützt vor Koma
Tara riecht, wenn etwas nicht stimmt. Die Hündin macht Jos Christoffel darauf aufmerksam, wenn sein Blutzucker droht zu entgleisen. Für den Diabetiker erleichtert das den Alltag enorm und kann sogar lebensrettend sein.
Jos Christoffel geht es nicht gut. Aufgrundeiner technischen Störung seiner Insulinpumpe ist sein Blutzucker seit zwei Tagen massiv erhöht. Als er vier Jahre alt war, wurde bei ihm ein Brittle-Diabetes, eine Form des Diabetes mellitus Typ 1, diagnostiziert. So gehört er zu jenen Diabetikern, deren Blutzucker nur schwierig unter Kontrolle zu bekommen ist, da dieser ständig stark schwankt. Die Bauchspeicheldrüse produziert kein eigenes Insulin mehr, der Körper kann Zucker daher nicht selber verwerten und die aufgenommene Nahrung muss mithilfe von injiziertem Insulin verfügbar gemacht werden.
Ist zu viel Zucker im Blut, so spricht man von einer Hyperglykämie. Christoffel bekommt dann extremen Durst, begleitet von Müdigkeit, Übelkeit und Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Schlimmer ist es jedoch, wenn der Blutzucker zu tief absinkt und es zu einer Hypoglykämie kommt. In seinem Fall zeigt sich das durch gestörtes Denkvermögen und Motorik, eingeschränkte Sicht und Reizbarkeit. Im schlimmsten Fall kann eine Hypoglykämie zur Ohnmacht und zum Koma führen. Meistens lässt sich eine Typ-1-Diabetes mit angepasstem Essverhalten und gespritztem künstlichem Insulin einigermassen in den Griff bekommen. Mit einem Sensor am Oberarm wird der Zuckergehalt des Körpers kontinuierlich gemessen, und es können Alarme für Grenzwerte eingestellt oder das Gerät neu sogar direkt mit einer Insulinpumpe gekoppelt werden.
Eine Nase gegen Unterzuckerung
Unterzuckerungen waren für Jos Christoffel selbst kaum wahrnehmbar. Da es früher noch keine technischen Warnsysteme gab, besprach er das Thema Assistenzhund mit seinem Diabetologen und dieser gab grünes Licht. 2015 wurde die Entlebucher Sennenhündin Tara Christoffels ständige Begleiterin. Die Assistenzhündin passt auf, dass ihr Herrchen nicht über- oder unterzuckert. Ihre feine Nase nimmt jede Veränderung des Blutzuckers schon sehr früh wahr. Mit Stubsen, Pföteln und Bellen informiert Tara über ihre Beobachtung und gibt dem Diabetiker die Chance, rechtzeitig zu reagieren. «Als ich Tara vor acht Jahren bekam, gab es noch keine Sensoren, die kontinuierlich Blutzucker messen konnten», berichtet Jos Christoffel. «Sie hilft mir jeden Tag den ganzen Tag mit meinem Zucker.» Trainiert hat er seine Hündin selber. Dazu angeleitet wurde er vom Assistenzhundezentrum Schweiz. Der Verein bildet Personen und Hunde zu Assistenzhundegespannen aus. Taras Aufgabe ist es, Veränderungen im Blutzucker frühzeitig zu erkennen und anzuzeigen. Somit ist die Hündin immer im Dienst.
Dass Tara sich nicht ablenken lässt, das testet heute Susan Schaffner, Geschäftsführerin des Assientenzhundezentrums. «Dass die Hündin ihren Job macht und Veränderungen anzeigt, das beweist sie Jos Christoffel jeden Tag. Heute geht es darum, wie gut sie in einer belebten Umgebung agiert», beschreibt Schaffner den Test. In einem Lebensmittelgeschäft bekommt Tara eine Assistenzhundeweste umgelegt. Sonst würde man Hundebesitzerinnen mit ihrem Hund gar nicht erst in den Laden lassen, denn Vierbeinern ist der Zutritt normalerweise verboten. «Laut Gleichstellungsgesetz sind Assistenzhunde jedoch überall dort erlaubt, wo auch Menschen mit Strassenschuhen hin dürfen», erklärt Schaffner.
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Kommandos ignorieren ist erwünscht
Tatsächlich schauen die meisten Einkaufenden nur kurz hin, wenn Jos Christoffel mit Tara zwischen den Regalen durchgeht. Nicht an dem frisch gegrillten Poulet in der Auslage zu schnuppern, verlangt der Hündin viel Willenskraft ab. Aber sie bleibt mit ihrer Aufmerksamkeit fest bei ihrem Herrchen. Sie ist angespannt, weil sie merkt, dass es diesem momentan nicht gut geht. «Fordern Sie die Hündin nun auf, sich hinzulegen und liegen zu bleiben, während Sie sich ein paar Meter entfernen», instruiert Schaffner den Hundebesitzer. Trotz mehrmaliger Aufforderung weigert sich Tara vehement und bleibt eng an der Seite von Christoffel. «Sehr gut», schmunzelt Schaffner. Ein solches Kommando zu ignorieren, wenn es medizinisch notwendig ist, gehört zu den erwünschten Verhaltensweisen eines Assistenzhundes.
Dass Tara überhaupt merkt, wie es ihrem Besitzer geht, das liegt in der Natur der meisten Hunde. «Viele Hundehalter werden mir zustimmen, dass ihre Vierbeiner darauf reagieren, wenn etwas nicht in Ordnung ist», sagt Susan Schaffner. Bei Assistenzhunden wird diese natürliche Aufmerksamkeit gezielt gefördert und belohnt. So suchte Tara als Welpe Kleidungstücke von Jos Christoffel, die er trug, als er über- oder unterzuckert war. Sie lernte, auf den Geruch mit einer Spielaufforderung zu reagieren. «Heute weiss sie, dass wir nicht spielen, wenn sie mir eine Blutzuckerveränderung anzeigt», erklärt der Diabetiker. «Ich belohne sie dann aber mit Aufmerksamkeit, Streicheln, Worten oder auch mal einem Leckerli.» Wie alle Diabeteswarnhunde zeigt Tara auch bei anderen Personen an, wenn diese über- oder unterzuckern. Und Mittlerweile scheint Tara instinktiv zu spüren, wie es ihrem Besitzer geht. Die Hündin scheint fast besorgt und macht ihn so lange auf ihre Beobachtung aufmerksam, bis er bei niedrigem Zucker etwas isst oder bei hohem Zucker Insulin spritzt. Erst dann entspannt Tara sich ein wenig.
«Tara kann sehr hartnäckig sein», schmunzelt Jos Christoffel. Noch wichtiger sei ihm jedoch, dass seine Hündin immer zu ihm hält: «Tara ist eine ganz tolle Begleiterin. Seit ich sie habe, ist jemand an meiner Seite, die meinen Blutzucker wortlos versteht und viel Leichtigkeit und Freude in mein Leben gebracht hat und auch die Blutzuckereinstellung vereinfacht und verbessert hat.»
Nicht immer Verständnis
«Sollen wir noch etwas trinken gehen?», fragt Susan Schaffner nach der mit Bravour bestandenen Nachprüfung und zeigt auf eine Gartenbeiz. Jos Christoffel schüttelt den Kopf: «Hunde sind dort nicht willkommen.» Er erzählt, dass nicht alle verständnisvoll auf einen Assistenzhund reagieren, auch wenn dieser eine Weste trägt. Lokale, in denen er schlechte Erfahrungen gemacht hat, meidet er daher. Auch im Coop-Restaurant ist sofort eine Mitarbeiterin zur Stelle, die vorsichtig darauf hinweist, dass Hunde nicht erlaubt seien. Als Susan Schaffner ihr aber erklärt, dass es sich um einen Assistenzhund handelt, nickt die Dame freundlich und Jos Christoffel kann sich einen Kaffee gönnen. Der Assistenzhund hilft so auch, Diabetes mellitus etwas sichtbarer zu machen.
Auf die Frage, ob die Krankenkasse die Kosten für die Ausbildung und Haltung des Hundes übernehmen würde, schüttelt Jos Christoffel nur kurz den Kopf. «Bring Pen», fordert er Tara am Tisch sitzend auf. Die Hündin sucht kurz, entdeckt dann das Etui mit der Insulinspritze am Ende des Tisches und bringt es ihrem Herrchen. Im Notfall würde die Hündin so lange bellen, bis Hilfe kommt, falls der Diabetiker doch einmal ohnmächtig werden würde. Zum Glück war das noch nie nötig. «Ich kann mich voll auf Tara verlassen», betont Christoffel und streichelt seine Hündin. Denn das ist es, was für Assistenzhundebesitzer zählt: einen verlässlichen Partner zu haben, der immer an ihrer Seite ist.
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