Schnappschuss
«Ich habe aufgehört, meine Reisen zu zählen»
Karl-Heinz Lambert aus Deutschland fotografiert Papageien in ihren Lebensräumen. Ob auf einer Waldlichtung im zentralafrikanischen Regenwald oder im australischen Outback, immer ist er den Plapperschnäbeln auf der Spur.
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Wann entflammte Ihr Interesse für Papageien, Herr Lambert?
Ich bin 1940 in München geboren, wuchs also in der Kriegs- und Nachkriegszeit auf, die von vielen Problemen geprägt war. Schon während meiner Lehrzeit hatte ich mir eine Fotokamera gekauft und unternahm Streifzüge durch die Isar-Auen. Für Papageien begeisterte ich mich erst ab Ende der 50er Jahre. Ihre Farbenpracht zog mich an, sodass ich in Büchern und Zeitschriften alles über sie las.
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Wann ging es los mit den grossen Reisen?
Familie und Beruf standen in jungen Jahren im Vordergrund. Meinem Interesse an der Vogelwelt konnte ich aus finanziellen und zeitlichen Gründen nur begrenzt nachgehen. Als es möglich wurde, reisten meine Frau und ich in tropische Länder, um Papageien nachzuspüren. Ich wollte Arten fotografieren, die damals nicht im Fokus der Naturfotografen standen. Zu Papageien in ihren Ursprungsgebieten war in den 1970er und 1980er Jahren nur sehr wenig bekannt.
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Wie viele Papageienreisen haben Sie bereits unternommen?
Vor 15 Jahren habe ich aufgehört, meine Reisen in die Lebensräume von Papageien und anderen exotischen Tieren zu zählen. Da hatte ich bereits 70 Reisen ausserhalb Europas absolviert.
Welche Rolle spielen ortskundige Leute in den jeweiligen Ländern?
Sie sind Voraussetzung dafür, die gewünschten Tiere überhaupt zu finden. Der Guide muss entsprechend ausgerüstet sein, das heisst, ein geländegängiges Fahrzeug fahren. Auch eine Ausstattung mit Fernglas, eventuell sogar mit einem Fotoapparat, ist wichtig. Guides sind gut vernetzt in ihrer Umgebung und erhalten Tipps von Dorfbewohnern, wo sich bestimmte Arten aufhalten.
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Sind Sie auch schon weit gereist, ohne die gewünschte Art zu sehen?
Ja, auch das ist schon vorgekommen. Trotz umfassenden Recherchen im Vorfeld und Austausch mit anderen Naturfotografen, eine Garantie gibt es natürlich nicht, dass man die gewünschte Art sieht. Ich hatte nie nur eine Art im Fokus, sondern immer mehrere. Eine davon habe ich immer gesehen.
Erzählen Sie bitte von einem besonderen Erlebnis.
Ich bekam von einem mir bekannten, vertrauenswürdigen Vogel-Guide aus Australien eine E-Mail, dass es in Alice Springs gerade riesige Wellensittichschwärme, die dort brüten, zu beobachten gebe. Er hatte diese Info von der dortigen Rangerin. Einen solch riesigen Schwarm zu sehen, war schon lange mein Traum. So organisierte ich schnell eine Reise dorthin. Nach einer Woche war ich vor Ort. In froher Erwartung fuhren wir zur benannten Stelle, konnten aber den beschriebenen Schwarm von tausenden von Wellensittichen nicht finden. Also machte sich die Rangerin, von der die Info stammte, selbst noch einmal auf die Suche. Auch sie fand leider keinen einzigen Wellensittich mehr vor. Offenbar war inzwischen kein entsprechendes Futter mehr vorhanden. Was nun? Wir hatten noch zwei Wochen Zeit in Alice Springs, also beschlossen wir, diese Gegend in immer grösseren Kreisen zu umrunden. Irgendwo mussten die Vögel ja sein! Unsere Ausdauer war dann von Erfolg gekrönt. In etwa 140 Kilometer Entfernung trafen wir plötzlich auf einen riesigen Schwarm von Wellensittichen an einem Wasserloch. Sie können sich kaum vorstellen, wie froh wir dann über diese Beobachtung waren. Aber es war eine Herausforderung, an die kleinen Vögel heranzukommen.
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Inwiefern?
Sie waren viel zu weit weg, als dass es gute Bilder gegeben hätte. Gleich war es mit Nymphensittichen, einem bekannten Volierenvogel, von dem aber kaum Bilder aus dem Freiland bekannt sind. Ich wollte sie unbedingt fotografieren. Wir schlugen uns ins Feld, kletterten über Stacheldrahtzäune, versteckten uns unter Büschen, bis uns Bilder von Wellen- und Nymphensittich-Schwärmen im Freiland gelangen.
Welche Reise war die schwierigste?
Die Vorbereitungen, Graupapageienschwärme zu finden, waren schon im Vorfeld ein riesiger Aufwand. Es stellte sich heraus, dass es in der Zentralafrikanischen Republik eine Möglichkeit gab, die Vögel mitten im Regenwald zu beobachten. Es dauerte einige Jahre, bis wir reisen konnten. Das Land ist politisch instabil, doch es gelang dann, in den äussersten Südwesten zu reisen. Dort reicht ein Ausläufer des Regenwaldes des Kongobassins ins Land, das ansonsten von Savannenvegetation dominiert wird.
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Wie trafen Sie dann auf die Graupapageien?
Wir wohnten in Hütten im Wald bei Bayanga und gingen mit Einheimischen frühmorgens bei Dunkelheit los. Der Pfad führte durch den tropischen Regenwald, und wir wateten durch einen Sumpf. Als wir uns dann der Bai, einer Lichtung im Wald, näherten, hörten wir im ersten Morgenlicht die Pfiffe von hunderten von Graupapageien. Es war wie im Märchen. Sie landeten schliesslich am Boden, um mineralhaltige Erde aufzunehmen. Gleichzeitig hielten sich auf der Lichtung auch Waldelefanten auf. Das war nicht ungefährlich, denn sie sind kurzsichtig und deshalb aggressiver. Ichkonnte mich aber am Rand der Lichtung versteckt halten, um die Graupapageien zu fotografieren.
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Ist es immer schwierig und gefährlich, Papageien zu finden?
Überhaupt nicht. Im Gegensatz dazu war es doch recht einfach, im brasilianischen Pantanal Hyazintharas zu fotografieren. Gewisse Papageienarten findet man nur in abgeschiedenen Gebieten, andere aber lassen sich sogar von Strassen aus beobachten.
Welche Gebiete waren für Sie besonders interessant?
Dazu kann ich eindeutig sagen: Australien ist die Nummer eins für Papageienbeobachtungen. Dann folgen Süd- und Mittelamerika und schliesslich Afrika.
Haben Sie einen Lieblingspapagei?
Immer derjenige ist der Schönste, der jeweils vor der Linse sitzt oder fliegt.
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Welches ist das Hauptproblem für freilebende Papageien?
Wir Menschen breiten uns mehr und mehr aus, teilweise ohne Rücksicht auf die Natur. Ich bange immer um den Bestand der jeweiligen Arten, die ich gerade beobachte. Es gibt so viele weitere Faktoren, die eine Bedrohung darstellen, so zum Beispiel Klimaveränderungen, Zerstörungen der jeweiligen Lebensräume durch Abholzungen und Ausweitungen der Industrie mit Luftverschmutzungen.
Gibt es Lichtblicke?
Ja, glücklicherweise gibt es die. Die zwei Organisationen Fonds für bedrohte Papageien und die Loro Parque Fundacion setzen sich mit viel Engagement für frei lebende Papageien ein. Als ich erstmals im trockenen Nordosten Brasiliens Lear-Aras in der Dornensavanne, der Caatinga, beobachtete, wurde mir bewusst, dass die Licuri-Palmen für diese seltenen Papageien lebenswichtig sind, denn die Aras ernähren sich hauptsächlich von deren Nüssen. Ich knüpfte Kontakte zu einem Bauern und konnte zusammen mit anderen Papageienenthusiasten erreichen, dass er bestehende Licuri-Palmen vor der Überwucherung durch andere Pflanzen bewahrte, indem er sie freischnitt. Zudem pflanzte er junge Palmen und schützte sie. Der Lear-Ara stand vor dem Aussterben, doch heute ist er aufgrund verschiedener Schutzbemühungen nicht mehr akut bedroht.
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Was wird bei Reisen in die Herkunftsgebiete der Papageien unterschätzt?
Beim Versuch, möglichst nahe an die Papageien zu kommen, muss man oft über Privatland. Das ist in den meisten Ländern nicht ohne vorherige Abklärung möglich. Auch dafür ist ein ortskundiger Guide notwendig, der die Landbesitzer kennt und um Erlaubnis bittet. Es ist wichtig, dass sie wissen, weshalb man da ist. Sonst erweckt man schnell einmal Mistrauen, ob in Australien, Brasilien oder einem afrikanischen Land.
Wohin führt Ihre nächste Reise?
Nach Spanien. Dort werde ich vorrangig Adler und Luchse fotografieren, denn mein Interesse für die Natur ist durch die vielen Beobachtungen gewachsen. Wegen meines hohen Alters stellt sich die Frage nach weiteren grossen Reisen nicht mehr. Ich freue mich, wenn ich gesund bin und so noch in der Natur in unserer Heimat oder in Europa zum Beobachten und Fotografieren unterwegs sein kann.
Karl-Heinz Lambert ist 1940 im deutschen Bundesland Bayern geboren und lebt seit fast 65 Jahren in Schafflund in Schleswig-Holstein, nahe der dänischen Grenze. Der Metallbauschlosser mit eigenem Geschäft und Vogelzüchter wurde durch zahlreiche Publikationen über Papageien im Freiland in Fachzeitschriften bekannt. Seine Bilder wurden in vielen Fachbüchern veröffentlicht. Das Werk «Papageien der Welt», welches er zusammen mit dem Papageienexperten Professor Dr. Matthias Reinschmidt im Ulmer-Verlag publizierte, vereint Perlen seiner Papageienfotografie. Heute widmen sich Karl-Heinz Lambert und seine Partnerin Bärbel Zickner der Naturfotografie in Deutschland und europäischen Ländern.
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